Theater mit Theorie als Kulturtechnik

– Martina Leeker, März 2015

Es lässt sich zusammenfassen, dass die Verhandlung der Beziehungsweisen von Theater und Theorie eine lange Tradition hat, die je eine andere Gestalt annimmt. Geht es z. B. in Fortsetzung der antiken “Theoria” um die Nutzung von Theater als Theorie, so steht derzeit Theater mit Theorie im Fokus. Wie gesehen, wurde in der medienwissenschaftlichen Forschung (Vgl. exemplarisch Wolfgang Ernst sowie Sybille Krämer) gezeigt, dass sich zur Nähe zur Theorie im Theater die zu Medialität gesellt. Deshalb kann dieser Phänomenbereich als Kulturtechnik des Umgangs mit Medien, insbesondere der Performativierung von Medialität angesehen werden. Diese Kulturtechnik wird dadurch nötig, dass Medien oder Umwelten, so u. a. Sybille Krämer, inkorporiert und performt werden müssen, kommen sie mit Menschen zusammen. In diesen Performances und Performativierungen werden Medien nicht einfach angewandt und aus- und aufgeführt, sondern vielmehr in einer Gebrauchsgeschichte von Medien erst konstituiert, wie sich an der Erfindung des leisen Lesens zeigte.

Diese Gebrauchsgeschichte hat darüber hinaus zwei weitere Funktionen. Erstens geht es um das Prinzip der Stellvertretung. So spricht der Schauspieler in der Antike Texte stellvertretend laut, damit andere von diesem entlastet werden und die Kulturtechnik des leisen Lesens ausüben können. Zeitgenössische Performer_innen übernehmen dagegen gerade im Kontext der Verbindung von Theater und Theorie stellvertretend die Aufgabe, sich zu entselbsten. Dieser Vorgang ist allerdings hochgradig ambivalent, da die exemplarische Entselbstung der Akteur_innen auf der Seite der Zuschauer_innen der Hervorbringung eines illusionären Selbst dient. Denn These ist, dass die im Theater mit Theorie erwirkten Handlungs-Gemeinschaften ein selbst-loses Selbst hervorbringen, um von der digital bedingten Selbst-losigkeit abzulenken. Theater mit Theorie ist mithin im besten Sinne Illusionstheater für eine parallele Welt operativer Handlungsagenturen.

Die zweite Funktion der performativen, aufgeführten Gebrauchsgeschichte liegt in der Erprobung von Kontrolle. Denn Theater setzt sich den Performances mit Medien in einer Weise aus, in der Distanzierung und Involvierung in ein Wechselverhältnis treten. Indem es zur Inkorporation kommt, setzen sich die Akteur_innen der Überwältigung aus und entwerfen zugleich Möglichkeiten, diese zu regulieren. Diese konstituieren sich zum einen aus der Wiederholung von Handlungen, die zwar iterativ ist, zugleich aber einen Bezugsrahmen für Überprüfungen, Vergleiche und Bewertungen schafft. Dadurch, dass traditionell Theorie und Medien in Theater verknüpft sind, steht Theater zum anderen für die Theoretisierung von Medialität und damit für den Versuch, Kontrolle über diese auszuüben. Es geht mithin in je anderer Form darum, das Performative und Mediale, d. h. die Aus- und Aufführung mit Körpern zugleich zu entfesseln und zu bändigen. Performative Inkorporation und Gebrauchsgeschichte können mithin als eine Kulturtechnik gelten, mit der Mensch mit seiner medialen Konstitution umgeht.

Es wäre vor diesem Hintergrund eine Geschichte der Beziehung von Theater und Theorie zu schreiben, die den Wandel von technologischen Bedingungen wie von Diskursen und Modellierung des Performativen untersucht.

Die genannten Aspekte und Funktionen einer Gebrauchsgeschichte gilt es bei Versuchen mit Theorie-/Theater zu beachten, denn mit den Performances und Performativierungen entstehen zugleich deren gouvernementalen Effekte. So bringt die Ermöglichung des leisen Lesens durch die performende Stellvertretung das innere Subjekt vorher. Die vorgeahmte Ent-Selbstung erzeugt sich selbst genügende, illusionäre Selbste.

Über uns

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Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.