Theatrale Theoria als Garant für Medienreflexivität

– Martina Leeker, März 2015

Die als genuin angenommene Verbindung von Theater und Theorie im antiken theatron ist gleichwohl mit Vorsicht zu genießen, weil sie ein mediales Apriori erzeugt, dass weniger dem Ort selbst und seinen Aufführungspraxen, als vielmehr einem medientheoretischen Wollen entsprechen könnte. Dieses ergibt sich daraus, dass die Modellierung von Theater als Theorie der Begründung von Medienwissenschaft als Reflexion technologischer Bedingungen dienlich ist. Wolfgang Ernst verdeutlicht in diesem Kontext die mediale Konstitution von Theater:

“Nehmen wir also Platz im altgriechischen Theater. Das Wort theoría ist wie das Wort théatron von theáomai abgeleitet, und das meint: das ans Auge Gerichtete. Theorein meint zunächst den theatralischen Blick, und theatron im engeren Sinne den Zuschauerraum. […] Dieser Raum des Theaters ist also ein Medienverbund aus Blickschneisen, Akustik und Apparaten – […] Guido Hiß hinterfragte einmal, ob das Theater vor dem Hintergrund aktueller Theorien überhaupt ein Medium darstellt. Doch schon um 440 v. Chr. war sich Theater als Medium bewußt. […] In der theatralischen Schau wird die Theorie selbst zum Medium. Das klingt idealistisch, wird von Nietzsche aber als mediales Dispositiv unter Verweis auf die Geometrie der Architektur decouvriert: ‘In ihren Theatern war es Jedem, bei dem in concentrischen Bogen sich erhebenden Terassenbau des Zuschauerraums, möglich, die gesammte Culturwelt um sich herum ganz eigentlich zu übersehen und in gesättigtem Hinschauen selbst Choreut sich zu wähnen.’ Damit ist mediales theorein als genuin politische Kompetenz angesprochen.”

medientheorien.hu-berlin.de

Theater heißt das, wird zum Garanten dafür, dass Medialität gesehen, in ihren technologischen Bedingungen verstanden und reflektiert werden kann. Dies wird deutlich im folgenden Gedanken von Ernst:

“Das Wort theoría ist wie das Wort théatron von theáomai abgeleitet, und das meint: sehen, contempler, also das ans Auge Gerichtete. Womit Medientheorie nicht schlicht Theorie über Medien wäre, sondern von einem Medium (dem Vokalalphabet für den geschriebenen Text, die Stimme des Vortragenden) selbst hervorgebracht und vom jeweiligen Medium, immediat, reflektiert wird.”

medienwissenschaft.hu-berlin.de (PDF, S. 78)

Da im Theater Schauen und Denken in eins fallen sollen, etwa auf Grund der Distanz zum Geschehen, die ob der Trennung von Handeln und Schauen ermöglicht wird, wird es zur Denkfigur für eine Konstitution von Medien, mit der sie sich selbst sichtbar und damit reflektierbar machen können. Dieses Konstrukt könnte ein Grund dafür sein, dass die Dopplung von Theater als Schauen und Reflektieren so prominent ist und als a-historisches Modell tradiert wird. Das heißt, es geht weniger um eine “Ur-Szene” des Medialen als vielmehr um eine Denkfigur, mit der die Reflexivität des Medialen erzeugt und gesichert wird. So wie Theater im Medium Text (z. B. Theaterstück) oder Stimme (Sprechen eines Stücktextes) entsteht und diese in der Aufführung umgehend reflektiert werden sollen, so könnten am Theater geschulte Zuschauer_innen diese Haltung mit sich nehmen und auf jedes andere Medium anwenden. Es geht mithin um ein inneres Theater als eine Kulturtechnik der Distanzierung von Medien.

Theater ist aber nicht a priori der Ort der Reflexion, da es sich nicht allein aus einer technologischen Verfasstheit konstituiert. Vielmehr wäre ein Gefüge bestehend aus unterschiedlichen Faktoren anzunehmen, die die Wirkung eines Mediums erzeugen, darunter die Diskurse, die Effekte mit erzeugen. Selbstverständlich haben Dispositive, zu denen neben dem Benthamschen Panoptikum (Alf Mayer) auch Theaterbauten zählen dürften, eine Wirkung auf Wahrnehmung und Subjektkonstitution. Doch diese entfaltet sich erst mit Zuschreibungen der Wirkungen und deren Performance. Zudem zeigt gerade die Theatergeschichte, dass und wie sich dessen Medialität über die Jahrhunderte ändert und gerade der Faktor der Reflexion immer wieder in Frage gestellt und modifiziert wird.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.