Theorietheater, mit Borkman

– Martina Leeker, März 2015

Auch im Theorietheater “John Gabriel Borkman und andere anti-kapitalistische Held_innen” wurden theoretische Texte in szenischen Konstellationen aufgeführt. Die Performativierung von Theorie sollte allerdings nicht eine bestimmte theoretische Einstellung und Haltung favorisieren, sondern im Gegensatz zu den soeben skizzierten Versuchen dem Anliegen folgen, die Konstruiertheit sowie die gouvernementalen Aspekte von Theorien sowie von Wissen zu zeigen. Dieses Anliegen kann nun abschließend vor dem Hintergrund der hier entwickelten theoretischen Erfassung der Verbindung von Theater und Theorie im Hinblick darauf betrachtet werden, ob es gelingt, mit diesem Ansatz technikaffine Vereinnahmungen zu verhindern. Ins Zentrum rückt nun, dass performative und dekonstruktive Ansätze einen nicht reflektierten techno-logischen und gouvernementalen Kontext mitführen, der beachtet werden muss. Vor diesem Hintergrund scheint es angemessen, eine diskursanalytische Ästhetik stark zu machen.

Im Diskurstheater von René Pollesch sowie im dekonstruktivistischen performativen Denken, wie es Czirak beschreibt, sollte jeweils eine bestimmte Denkhaltung und theoretische Orientierung mit ästhetischen Mittel gleichsam erzwungen werden. Im Stück “John Gabriel Borkman und andere anti-kapitalistische Held_innen” wurde dagegen mit verschiedenen Mitteln versucht, ein Training für den Performativitäts- und Agenturisierungsdiskurs zu vermeiden. So wurde z. B. durch die Kritik am Neoliberalen die zu diesem geführte Theoriebildung angezweifelt und eine eigene Theoriebildung losgetreten. Es ging mithin um das Testen von Theorie statt sie als Gegebene hinzunehmen. Des Weiteren wurden in “John Gabriel Borkman und andere anti-kapitalistische Held_innen” Ironie und Zitat in einem diskursanalytischen Sinne eingesetzt, statt, wie Czirak, einer dekonstruktiven Ontologie zu folgen, mit der Ironie und Zitat auf die Eigendynamik von Sprache verweisen. Es geht mithin, im Unterschied zu Czirak nicht darum, eine Sicht auf Welt zu vermitteln, sondern einen Raum diskursanalytischer Ästhetik und Reflexion zu gestalten. Es wäre bei solchen Versuchen darauf zu achten, dass vor allem Ironie nicht das vermeintlich Gemeinte ex negativo vermitteln soll, da mit dieser Umgangsweise, wie Czirak sehr zurecht vermerkt, Sprache wiederum als Repräsentation einer ihr vorgängigen Wahrheit verstanden würde. Sie hätte vielmehr bei der Unvereinbarkeit von Text und Handlung anzusetzen, mit der erst ein Freiraum für Theoriebildung entstehen kann. Dieser stellte sich z. B. vor allem am schon genannten “Theorietisch 2” ein, bei dem neoliberale Haltungen und Fantasien affirmiert wurden, etwa Sprüche wie: “Es ist toll ausgenutzt zu werde, denn dann wird man zumindest gebraucht!”, oder “wo ist das Problem damit, sich ein Kind auszuleihen?” Mit diesen Merksätzen wurden Denkstürme ausgelöst, die eine eigene, nicht kontrollierbare Dynamik entfachten und ein Feld vor allem der Beobachtung des Denkens selbst sowie seiner Bedingungen und Konsequenzen eröffneten.

Auch ohne dem dekonstruktivistischen Diskurs zu folgen, ist die Verbindung von Theater und Theorie von größter Relevanz, da sie Theater in ein epistemisches Labor verwandeln können, das die Reflexion von Theorien ermöglicht sowie die Produktion von Wissen und Sinnstiftung kritisch reflektiert und offen hält. Dies zu ermöglichen erwies es sich in der Inszenierung von “John Gabriel Borkman und andere anti-kapitalistische Held_innen” als hilfreich, dass Stückvorlage und Theorie sich nicht direkt verknüpfen ließen, wie bereits ausgeführt wurde. Theorie und Theater lassen sich nicht aufeinander abbilden. Indem sie nebeneinander stehen blieben entstand ein Freiraum für Assoziationen.

Ein weiterer Aspekt ist schließlich, dass die Möglichkeiten des Performativen ob des Performativitätsdiskurses und dessen Produktivität mit Vorsicht einzusetzen sind. Statt also auf die transformativen Kräfte des Performativen sowie die Offenheit und Unvorhersehbarkeit von Performances zum Zwecke der Entsubjektivierung und Agenturisierung zu setzen, waren diese Effekte in eine diskursanalytische Ästhetik zu wenden. Dies geschah zum einen dadurch, dass Theorie performt wurde, um sie sich an materiell erlebbaren Situationen reiben zu lassen mit dem Ziel, ihre Tragfähigkeit zu testen sowie ihre Effekte herauszustellen. Es sollte dabei keine kohärente Theorie entstehen, sondern ein Nachdenken entfacht werden. Dies ist von Nöten, da jede theoretische Sicht eine eigene Weise der Einschreibung und Ausübung von Macht und Kontrolle mit sich führt.

Die Verbindung von Theater und Theorie, so der Vorschlag, könnte eine Möglichkeit sein, einen anhaltenden Prozess des Nach-Denkens und Über-Denkens entstehen zu lassen und dabei statt eine bestimmte Art des Denkens dieses selbst und seine Bedingungen und Wirkungen nachvollziehbar und erlebbar werden lassen. Zudem kann Theater mit Theorie als eine eigene Weise der Forschungsleistung im Performen betrachtet werden.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.