Ur-Szene von Theater als Theorie

– Martina Leeker, März 2015

Ausgangspunkt dafür, die Verbindung von Theater und Theorie zu diskutieren, ist in der zeitgenössischen medien- und theaterwissenschaftlichen Forschung, dass Theater im Griechischen mit “Theorie” verwandt ist und von Beginn an eine Kopplung von Schauen, Erkennen und Reflexivität bestanden habe. So schreiben Gerald Siegmund und Georg Döcker:

théôria verweist im Kern auf die bekanntermaßen gemeinsame Wurzel von Theater und Theorie, thea, die Schau – in der auch theos, Gott, seine Spuren hinterlassen hat –, die auf das zu Schauen geben von Dingen abzielt. Im 5. und 6. Jahrhundert vor Christus beschrieb das Konzept der Theorie zugleich eine körperliche Praxis, die darin bestand, das ausgewählte reiche Bürger einer Polis aufbrachen, durchs Land reisten, um an einem anderen Ort Theateraufführungen oder religiösen Ritualen beizuwohnen. Dort debattierten sie über das Gesehene und Gehörte, fällten ein Urteil oder fanden zu einer Beschreibung der Ereignisse, bevor sie schließlich in ihre jeweiligen Städte zurückreisten, um in einem formalen Akt von den Ereignissen zu berichten, die sie geschaut hatten. Theorie diente zum Bezeugen einer Aufführung. Im Begriff Theorie verbanden sich die Wahrnehmung – aisthesis – eines Schauereignisses mit einer geteilten Praxis des Beschreibens und Urteilens.”

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Auf dieser Grundlage hat Freddie Rokem die Philosophie ins Spiel gebracht, zu der performative Künste insofern eine enge Verbindung aufrechterhalten würden, als Denken eine sinnlich-körperliche Seite haben müsse. Dies entstehe aus dem Impetus des Theaters, Texte zu verkörpern (Philosophy on stage, Arno Böhler).

Dieses “ur-szenische” Denkmodell zur Beziehung von Theater und Theorie schreibt sich auch da fort, wo Theater als das Andere von Wissen und Wissenschaft entworfen wird. Als solches steht es für Komplexität, Unsichtbarkeit und Offenheit des Sinns und wird als Garant für ein anderes Wissen angesehen. Nikolaus Müller-Schöll fragt: “Was heißt es, szenische Vorgänge als Denken zu begreifen? Und was andererseits hat es mit dem jedem Denken eigenen Theater auf sich? Gibt es andere Formen des Denkens als dasjenige in Begriffen?” (hier). In einer ähnlichen Logik argumentieren noch einmal Siegmund und Dönker:

“Bevor Platon und Aristoteles die Theorie ein Jahrhundert später auf die geistige Schau, die Schau von Ideen oder das Studieren von physikalischen und metaphysischen Konzepten einengten, findet sich also ein offener Begriff von Theorie als einer körperlichen Praxis des Sehens, Sprechens und Wahrnehmens. Theorie nicht als Gegensatz zur aisthesis aufzufassen, sondern sie als deren Bestandteil zu begreifen, […].”

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In diesem Horizont beschreibt die Bochumer Theaterwissenschaftlerin Ulrike Hass, im Folgenden nach einem Interview paraphrasiert:

“Durch analytische Verfahren wird eine Erkenntnis über etwas ermöglicht. Szenische Forschung ist dagegen ohne Objektbezug. Erkenntnis richtet sich nicht auf etwas, sondern der Forschende versucht, sich dem zu Erforschenden ähnlich zu machen, in dem Sinne, dass er sich von ihm affizieren lässt, sich auf einen Prozess einlässt, so dass sich auch eine Forschungsfrage verändern oder im Prozess erst entstehen kann.”

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Schließlich gehört auch der Zugang aus dem Kontext des “Philosophierens auf der Bühne” dazu, zu dem Arno Böhler schreibt, es ginge um die: “Aufmerksamkeit für den Körper als Ausgangspunkt und sinnstiftendes Medium wissenschaftlichen Denkens, Vortragens und Schreibens” (hier). Und weiter mit Böhler:

“Im Unterschied zu einer (bloß) diskursiven Kritik herrschender Sitten wird ein Denken Korporaler Performanz daher die Widerständigkeit mitbedenken müssen, die in der materiellen Weigerung liegt, bestimmte Verkörperungsriten einfach zwänglich zu wiederholen, indem man sich widersetzt, sie am eigenen Leib weiterhin gedankenlos naiv zu replizieren. Das […] Forschungsprojekt Korporale Performanz hinterfrägt solche materiellen Riten wissenschaftlicher Praxis, indem es der Frage nachgeht, ob diese meist unreflektiert bleibenden materiellen Rahmenbedingungen akademischer Wissenspraktiken nicht eine bedeutungsgenerierende Funktion für wissenschaftliche Theorien besitzen, die aufzuzeigen an der Zeit wäre.”

transcript-verlag.de (PDF, S. 13)

Auch die Sicht, dass von der Unvereinbarkeit von Theater und Theorie auszugehen sei, ist Teil der Ur-Szene, gleichsam deren andere Seite (Hg.: Astrid Hackel, Mascha Vollhardt, Theorie und Theater: Zum Verhältnis von wissenschaftlichem Diskurs und theatraler Praxis, Wiesbaden 2014, hier). Die Unvereinbarkeit entstünde daraus, dass gerade im Verkörpern von Figuren, Texten oder Situationen immer ein Überschuss entstehe, der sich nicht in Theorie oder als Theorie einholen ließe. Theater würde vielmehr Theorie in ihrer Fremdheit und Unverständlichkeit ausstellen und erhalten.

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.