Von der Verabschiedung des Subjektes im Performativen zu Handlungsagenturen

– Martina Leeker, März 2015

Entscheidend ist, das nicht nur das Subjekt verabschiedet, sondern auch ein neues Modell für eine Form distribuierter Selbst-losigkeit entworfen wird, die an die Stelle des Subjektes tritt. Diesen Zusammenhang zu verstehen, ist noch einmal auf den Verabschiedung des Subjektes im Performativitätsdiskurs zwischen den 1970er–1990er Jahren, insbesondere auf die mit ihr aufkommende Bejubelung von Handlungsagenturen zu schauen.

Performativität und das Performative sind keine a-historischen Begriffe. Dass es in einer bestimmten Weise verstanden werden müsse, nämlich im Sinne der iterativen und transformierenden Kraft der Aus- und Aufführung von Handlungen, ist eine Erfindung des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Die Ermächtigung des Performativen geht zurück auf den so genannten performative turn (Malte Pfeiffer). Mit ihm wurde die Konstitution von Kultur von einem Primat der Texte auf die Aus- und Aufführung performativer Akte umgestellt. Diese Sicht gründete, es wurde schon erwähnt, auf der Sprechakttheorie von John Langshaw Austin (PDF, John Langshaw Austin 1955/62), die besagt, dass mit Worten gehandelt werden könne; so auch der englische Titel: “How to do things with words” (PDF, John Langshaw Austin). Dies geschähe etwa, wenn ein Priester ein Paar zu Mann und Frau erkläre. Darin zeigt sich auch, dass diese Sprechakte nur durch einen konventionalisierten und normierten Kontext wirksam werden.

Eine grundlegende Frage in der Auseinandersetzung mit Sprechakten und Performativität ist nun, welchen Status ein Subjekt einnimmt. Ist es als ein intentionales und identitäres zu denken, wie es Austin und letztlich auch die Theaterwissenschaft vorschlagen? Oder ist es vielmehr mit Jacques Derrida (Gerd Poselt) als Effekt der Sprechakte sowie von deren Aus- und Aufführung zu verstehen.

An dieser Sichtweise setzen auch feministische Diskurse an. Paradigmatisch ist die theoretische Rahmung von Judith Butler (Melanie Schmidt). Sie legt mit der Unterscheidung von Geschlecht und Gender nahe, dass Geschlechtszuweisungen nicht biologisch seien, sondern kulturell eingeschrieben. Diese Einschreibungen würden sich in der Ausführung von wiederholbaren Handlungen und Sprechakten vollziehen. Gerade in deren Wiederholung läge aber auch das subversive Potenzial des Performativen als Wirklichkeiten und Subjekte erst erzeugender Vorgang, denn es beinhalte eine Verschiebung in der Wiederholung, die zum Einfallstor von Resignifikationen werden könne.

Das heißt, das Performative und Performativität werden zu einer eigenständigen kulturellen Größe, die als Kraft gleichsam in die Geschicke von Gesellschaft, Politik und Ökonomie eingreift. Dies geschieht, ohne dass Institutionen oder Subjekte darüber Kontrolle ausüben könnten. Es entsteht vielmehr ein magisches Konzept der Praxeologie, des Aus- und Aufführens von Handlungen, das unabhängig von allen anthropologischen und technischen Bedingungen wirkt und wirksam ist. Performativität wird mithin selbst zum Supermedium, das im Vollzug von Akten oder der Nutzung von Medien, Subjekte und Wirklichkeit erst hervorbringt und diese zugleich ob der unberechenbaren und nicht kontrollierbaren Macht des Vollzugs immer schon durch sich ereignende Verschiebungen in der Wiederholung, mithin durch Iterabilität (Gerd Posselt) unsicher, prekär und porös werden lässt.

Von der performativen Konstitution des Subjektes ist es nur ein kleiner Schritt zum post-anthropologischen Modell der Handlungsagenturen (PDF, Bruno Latour 1996), in denen der Mensch keine besondere Rolle mehr spielen soll. Denn die Wende, dass Dinge und Performance eine Eigenmächtigkeit haben und menschliches Handeln der Intentionalität enthoben ist, erfordert zugleich eine Re-Modellierung von Handlungsfähigkeit, die u. a. über eine Revision von Medialität hergestellt wird. Es kommt zu einer Umstellung auf eine performative Praxeologie (PDF, Andreas Reckwitz 2003), in der das kulturelle Apriori der Medien aufgehoben wird zugunsten von Handlungen und Handlungskonstellationen, die sie auslösen. Entscheidend dafür ist die Umdeutung von Medialität, die sich im Zuge der Performativierung des Performativen vollzieht. Medien erzwingen gleichsam performative Akte und konfigurieren diese, denn so Sybille Krämer:

“Überdies sind uns Geist, Ideen, abstrakte Gegenstände, Formen immer nur zugänglich in Gestalt von Inkorporationen. Medien bilden die historische Grammatik des Performativen: Sie sind immer Medien der Verkörperung bzw. der Inkorporation. Performativität ist daher als Medialität zu rekonstruieren.”

userpage.fu-berlin.de (PDF, S. 345)

Es ergibt sich ein unüberwindbares und verstörendes Wechselverhältnis von Medien und Performances etwa, wenn ein Text eine Idee trägt, in diese aber ob seiner Medialität interveniert und, von einer Stimme vorgetragen, wiederum von dieser modifiziert wird, da deren Medialität dazwischenkommt. Die Entfesselung des Performativen ist also ohne die des Medialen nicht zu haben, wodurch Subjekte und Intentionalität doppelt in weite Ferne rücken.

Diese Modifizierungen und Umwälzungen sind Voraussetzung dafür, dass für den Menschen eine neue Rolle erfunden wird. Denn mit der Performativierung der Performativen wie des Medialen bilden Mensch und technische Umwelt eine Handlungsagentur. Umwelten und Dinge lösen dabei zwar Handlungen aus, aber sie dominieren nicht, sondern von Interesse sind nunmehr die Handlungs-Gemeinschaften in Operationsketten, in die die Beteiligten verwickelt werden. Damit erhält Mensch letztlich nach den Jahrzehnten der technischen Apriorizität (PDF, Frank Hartmann 2008), die ihm zur Prothese der Technik machte, eine, wenn auch verteilte, Handlungsmacht zurück und damit eine zumindest zeitweise adressierbare und benennbare Position.

Diese Umwälzung sowie das Zusammenspiel (Johanne Mohs 2014) von Performativitätstheorien, performativer Medientheorie und Theorien zu Handlungsagenturen (von der Akteurnetzwerktheorie bis zu Techno-Ökologien) ist noch nicht bedacht und aufgearbeitet worden. Es wäre allerdings an der Zeit dies zu tun, denn in dieser Gemengelage gelingt es erst, zum Guten wie zum Schlechten, eine gründliche Umstellung der Medienanthropologie wie der Ökonomie zu bewerkstelligen. Es wird dabei ein weitreichendes Feld abgedeckt, so dass es gleichsam kein Entfliehen mehr gibt. In diesem Netz aus Überschneidungen und Wechselwirkungen korrespondiert (1) die Performativierung von Existenz und Kommunikation mit dem (2) Aufgehen des Menschen in operativen Handlungsketten sowie (3) mit dem techno-ökologischen Schwingen und Affiziert-Werden, um schließlich (4) in eine post-anthropozäne (Benjamin Bratton) Haltung und Epistemologie fließen zu können, in der Mensch, Welt und Ökonomie aus der Sicht von anderen Spezies, synthetischen Erscheinungen und planetarischen Ästhetiken noch einmal neu gedacht werden oder auch abgeschafft werden könnte. Diese diskursive Gemengelage ist zugleich eine Option des Um-Denkens wie eine der Beschwichtigung der Tatsache, das längst eine umfängliche Industrialisierung der menschlichen Datenlieferanten statthat, für die nicht mehr Singularitäten in die Pflicht genommen werden können, sondern eigendynamische Infrastrukturen, und von der Mensch mit Gadgets abgelenkt und bei Laune gehalten wird.

Die neuen, theorielastigen Performances könnten nun in diesem Kontext die Funktion haben, den Abschied vom Subjekt zu gewährleisten und die entstehende Leerstelle mit dem Modell der Handlungsagenturen zu füllen und die Ex-Subjekte in diese sowie schließlich in ein post-anthropozänes Universum zu überführen. Das Performen von Theorie ist dazu besonders geeignet, weil es eine Entmenschlichung von Theorie und Medien ermöglicht, etwa im Sprechen und Spielen von Texten. Damit wird das, was “Mensch” bisher ausmachen sollte, Denken, Vernunft, Theoriebildung, an Performances sowie deren Medialität abgetreten. Ein Innen der Spieler_innen wird dabei selbstredend entleert, um lustvolle und freudvolle Handlungskettenkaskaden zu ermöglichen.

So wie die Beförderung des stillen Lesens Aufgabe des antiken Theaters war, so obliegt es ihm nunmehr, im Wechselspiel von Rolle, Text, Theorie, Bewegung und Zuschauer_innen, Handlungsagenturen aufzubauen und zu erproben, die man vor allem lustvoll betrachtet ob ihrer Operativität, denen man aber nicht mehr mit Modellen von Sinnhaftigkeit, Repräsentation oder Einfühlung folgt. Im Fokus stehen nunmehr Handlungsanweisungen und operative Verkettungen.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.