Politische Ökonomie

— Martina Leeker, Oktober 2014

Im Forschungsbereich “politische Ökonomie” geht es bei Re-thinking methods am DCRL um Methoden, mit denen politische Öffentlichkeit in den technologischen Bedingungen digitaler Kulturen gestaltet und ausgeübt werden kann. Mit dem Begriffspaar “politische Ökonomie” wird dabei erstens angezeigt, dass das Politische und die Politik (PDF), verstanden als Aushandeln und Teilhaben in politischer Öffentlichkeit sowie in staatlichen Institutionen, historisch wie systematisch in Abhängigkeit zum Ökonomischen steht. Denn mit Leander Scholz ist davon auszugehen, dass seit dem 19. Jahrhundert das freie Spiel des Marktes erst die Bildung eines unsichtbaren, dieses nur in Notfällen kontrollierenden Staates erzeugt. Damit entsteht die Grenzziehung von Öffentlichem und Privatem nicht mehr aus der Politik, sondern aus der Ökonomie mit dem Effekt, dass alle Bereiche des sozialen Lebens dem Ökonomischen untergeordnet werden. Somit ist das Politische aus dieser Ökonomie der Politik abzuleiten und diese in anderen, heteronomen Orten und Versammlungen zu überschreiten. Zweitens sind die technologischen Bedingungen digitaler Kulturen im Sinne einer politischen Ökonomie der Daten und deren Verarbeitung für die Reflexion über politische Öffentlichkeit in Rechnung zu ziehen. Denn zum einen bestimmen diese, so David Gugerli, wie Welt für ihr Eintreten in den Computer formatiert wird und dabei Ökonomie und das Soziale organisiert werden. Die politische Ökonomie der Daten konstituiert sich zum anderen, so Timon Beyes und Claus Pias, wohl eher aus einem Regime des Geheimnisses (Timon Beyes, Claus Pias, “Transparenz und Geheimnis”, in: Siegfried Mattl, Christian Schulte (Hg.), Vorstellungskraft, Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Heft 2/2014, S. 109–115, hier S. 112), denn aus Transparenz und offener Demokratie. Denn sie entsteht aus einer Datenverarbeitung, die dem Menschen insofern unverständlich wird, als sie auf Selbstbezüglichkeit angelegt ist und sich in Software nicht mehr rekonstruierbare Relikte von Programmierungen aus mehreren Jahrzehnten schichten. Es gilt mithin unter diesen Prämissen den Rahmen abzustecken, in dem politische Öffentlichkeit in digitalen Kulturen ausgelotet werden kann, ohne dabei unbesehen den aktuell virulenten Paradigmen wie Open Gouvernment, Partizipation, Sharing, Kooperation oder dem Einfordern von Transparenz zu folgen. Diese stehen nämlich im Verdacht, politische Ökonomien sowie, mit Wolfgang Hagen, anthropologische Illusionen fortzuschreiben, statt die aktuelle Lage zu erfassen. Es ist vielmehr Aufgabe, Praxen und soziale Typen (PDF, Vgl. Vilém Flussers, S. 29–30) für eine unterdessen unmöglich gewordene Partizipation (Timon Beyes, Claus Pias, “Transparenz und Geheimnis”, in: Siegfried Mattl, Christian Schulte (Hg.), Vorstellungskraft, Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Heft 2/2014, S. 109–115, hier S. 112) experimentell zu entwerfen, um die zeitgenössischen Modi der Teilhabe zumindest noch reflektierbar zu halten.

Diese Analysen sind die Grundlage dafür, Methoden für die Herstellung politischer Öffentlichkeit in digitalen Kulturen zu entwickeln und zu erproben. Statt im Regime des Geheimnisses (Pias, Beyes) mehr Transparenz zu fordern oder Datenschutz zu verlangen, die in den Dickichten der Daten nicht herstellbar sind, wird z. B. im Projekt Making Methods – Living Archives die Produktivität von Unsichtbarkeit und Unkontrollierbarkeit für politische Öffentlichkeit getestet. Ausgehend von der Metapher WYSIWYG (What you see is what you get) werden Methoden für den Umgang mit virtuellen Datenströmen sowie mit tendenziell undurchdringbarer Software aus dem Zusammenspiel von Verborgenem und Sichtbarem entwickelt. Mit diesem entstehen nämlich je neue Lesarten des Erscheinenden, die nicht mehr auf Ursprünge, Adressierungen, Nachvollziehbarkeit oder Berechenbarkeit zurückführbar sind. Diese Techno-Epistemologie und – Ästhetik kann zu einer Erkenntnishaltung politischer Öffentlichkeit in digitalen Kulturen im Sinne des Dekonstruierens und Ausweichens avancieren. Die erarbeiteten Methoden werden von den Teilnehmer_innen selbst in einem ortlosen “Living Archive” im Web dokumentiert. Ebenso wäre es aus technologischer Sicht wenig zielführend, die Unterbindung von Kontrolle in technischen Netzen zu fordern, da sie in diesen zur Reduktion von Fehlern, mithin als Bedingung der Möglichkeit von Informationsverarbeitung und Mensch-Maschine-Interaktion, unhintergehbar und konstitutiv eingebaut ist. Im Projekt Talks on Techno-Politics sollen in kurzen Gesprächen oder Texten die technologischen Bedingungen politischer Öffentlichkeit in digitalen Kulturen verhandelt werden. Zentrale Themen werden u. a. sein: Kontrolle, Netzneutralität oder Geheimnis und Transparenz.

Feld-Sondierung

Politische Ökonomie (Leander Scholz)

Technologische Bedingungen der Ökonomie (David Gugerli)

Geheimnis-Kultur des Digitalen (Beyes&Pias)

Politik der Ökonomie

Poetik der politischen Ökonomie (Joseph Vogl)

Gespenster

Exzesse einer “Allgemeinen Ökonomie” (Bataille)

Politische Ökonomie digital mit Stiegler

Fazit. Selbstreflexion und experimentelle Erprobungen als politisches Handeln

Die Projekte

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.