How to think about it?

— Martina Leeker, September 2016

Es stellt sich nun im Hinblick auf den hier zu verhandelnden Workshop im smart house der HAW die Frage, wie mit den smarten Umwelten so umgegangen werden kann, dass dessen gouvernementale Wirkungen unterlaufen, sie zumindest reflektiert werden.

Mit dieser Frage öffnet sich zunächst ein aktuelles Diskursfeld, in dem die digitalen Zukünfte verhandelt werden. Es geht um die Entwicklung konkreter Gestaltungsweisen, die beispielhaft im Kontext der digitalen Agenda der Bundesregierung diskutiert werden. Hier kommen Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft und Design im Erschaffen digitaler Umwelten (Ralf Nester, Interview mit Christian Thomsen. Einstein-Zentrum für digitale Zukunft. Wie Berlin Hauptstadt der Digitalisierung wird, Tagesspiegel, 12.9.2016) zusammen. Paradigmatisch ist die Arbeit von Gesche Joost, Leiterin des Design Research Lab der Universität der Künste Berlin (UdK). Joost führt zunächst zu ihrem Verständnis von smart cities aus:

„Der Begriff hat ja mehrere Bedeutungen: einerseits die technologische Ebene. Durch vernetzte Technologien, durch das Internet der Dinge können Infrastrukturen – wie die Verkehrssteuerung – so gestaltet werden, dass sie intelligent funktionieren. Die Smart City ermöglicht auch neue Formen des dezentralen Produzierens: Wir können Ideen in einen Prototypen verwandeln, den wir schnell 3D ausdrucken. Das ist technisch auf der Höhe der Zeit und birgt ein großes wirtschaftliches Potenzial.“

Interview mit Gesche Joost, „Die digitale Gesellschaft ist für alle da“, Der Tagesspiegel, 09.12.2015

In die euphorische Haltung mischen sich kritische Untertöne, wenn Joost ausführt:

„Andererseits geht es um gesellschaftliche Relevanz, um die Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger an der digitalen Gesellschaft. Wir müssen eine Brücke zwischen den beiden Bedeutungen schlagen. […] Wir sind gerade an einem Scheideweg. Was wir jetzt brauchen, ist eine gesellschaftliche Reflexion: Was passiert mit unseren Daten? Was ist ein positives Szenario für Big Data, das zwischen ökonomischem Nutzen und Privatsphäre des Einzelnen vermittelt? Und bedeutet ‚smart’ einfach nur eine Effizienzsteigerung?“

Interview mit Gesche Joost, „Die digitale Gesellschaft ist für alle da“, Der Tagesspiegel, 09.12.2015

Die problematischen Punkte sind allerdings nicht ausschlaggebend, solange für eine Partizipation aller Bevölkerungsschichten an digitalen Kulturen gesorgt ist, so Joost: „Meine Vision ist die einer inklusiven digitalen Gesellschaft, die den Zugang zu Wissen ermöglicht, durch digitale Schnittstellen Teilhabe eröffnet und gleichzeitig wirtschaftliches Wachstum fördert.“ (Interview mit Gesche Joost, „Die digitale Gesellschaft ist für alle da“, Der Tagesspiegel, 09.12.2015). In diesem Kontext werden die Vorstellungen von Design reformuliert:

[…] Design hat für mich kaum noch mit Ästhetik oder schönen Produkten zu tun. Unter dem Begriff Social Design’ organisieren wir viele Bürger-Werkstätten, sogenannte Living Labs. Wir setzen uns mit Bürgerinnen und Bürgern vor Ort zusammen und untersuchen: Was ist denn meine Nachbarschaft, im Sinne einer Smart City, die man selber gestaltet? Man lädt Kreative dazu ein, macht Interventionen in der Stadt und versucht zu begreifen: Was bedeutet mein Kiez, wie vernetze ich mich mit meinen Nachbarn? Wie kann ich mich aktiv als Bürger einbringen? […]

Unsere Frage am Anfang war: Kann man eigentlich von der Basis das Konzept einer smarten Nachbarschaft entwickeln? Unter anderem haben wir zusammen mit dem Senioren Computerclub auf der Fischerinsel in Berlin-Mitte einen digital-analogen Briefkasten entworfen, weil viele der älteren Bürger gar keinen Computer haben. Um an einer Online-Diskussion teilzunehmen, schreibt man seine Frage also einfach auf eine Postkarte, schiebt sie in diesen Briefkasten, der die Karte fotografiert und in einen Online-Blog hoch lädt. Das ist dann auf dem Display am Briefkasten zu sehen – die Karte ist sozusagen ins Digitale gefallen. Online wie auch analog am Briefkasten kann man nun kommentieren oder weiter verlinken. Solche kleinen Brücken sind wichtig, um Teilnahme an der Vernetzung zu ermöglichen. Keine Metakonzepte, sondern ‚Civic tech’ – Technologien für bürgerschaftliches Engagement.“

Interview mit Gesche Joost, „Die digitale Gesellschaft ist für alle da“, Der Tagesspiegel, 09.12.2015

Anders als im Modell von Gesche Joost wäre aus Sicht von Shannon Mattern die Möglichkeiten zur Partizipation überhaupt erst einmal technisch herzustellen:

The politics of data, and the materiality of its infrastructure, could be made legible—or senseable—within the landscape. […] designers might offer a peek into mechanical systems like the trash chute, there could also be civic education to inform residents and visitors about what makes the community so ‘smart’—and about their own potential for managing the uses of the data they generate. A public library would be an ideal venue for such public pedagogy, and for providing an interface to—and guiding patrons’ use of—open data provided by […] the city government. Further, we need to ensure that public institutions and repositories have the resources to commit to the long-term maintenance of open, secure information infrastructures. That is especially important in cities powered by commercial IT and dependent on proprietary platforms. History shows that commercial partners tend to value innovation-driven obsolescence, exclusive contracts, and the monetization of user data; rather than resilience, interoperability, equitability, and discretion.”

Shannon Mattern, Instrumental City: The View from Hudson Yards, circa 2019, April 2016

Orit Halpern bringt zudem künstlerische Verfahrensweisen ins Spiel, um die Gouvernementalität des “Connect” durch künstlerische Verfahrensweisen zu erkunden und zu verstehen. Sie verdeutlicht dies an der Installation Listening Post (2001) von Mark Hansen und Ben Rubin. Hier wurden Textfragmente aus Internetforen und Chatrooms auf über 200 kleinen, vernetzten Monitoren gezeigt. Ausschlagend ist, dass die Auswahl und Komposition nicht zufällig ist. Orit Halpern schreibt:

If Listening Post differs from contemporary smart cities, or Google PageRank, it is because it is so carefully choreographed and cadenced. The artists have unearthed the potentiality of ephemerality and invisibility,—if we cannot see objectively, then perhaps we can see differently.  It has taken the mechanization of our communications systems and relations to their logical extreme, to reveal that the ‚need’ to connect is not primitive, it is technological. It is born of our machines, and our clouds. No matter the Markov chain, we can never know the weather, or each other.  The work of art, and perhaps what Listening Post might still remind us of, is that desire may always exceed automation; there is always something left for imagination.  Perhaps something beyond the instantaneous fulfillment of our every demand at the interface. Invisible architectures that can never be represented, but may yet become transformative.”

Orit Halpern, Cloudy Architectures, Continent, Issue 4.3 / 2015, S. 34-45: 44

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.