Smart houses, smart cities, smart …

— Martina Leeker, September 2016

Anliegen und Relevanz sowie die Brisanz des Workshops erschließen sich, wenn er im größeren Kontext Daten erfassender Infrastrukturen gesehen wird.

Smart houses lassen sich wie folgt beschreiben. Sie organisieren sich selbst und sorgen z. B. für ausreichend Wärme, Nahrung oder Sauerstoff. Leben kranke Menschen in ihnen, dann können Sensoren die Überwachung der vitalen Werte übernehmen und, wenn nötig, Hilfe herbeirufen. Diese Dienstleistungen zu erbringen, sammeln smart houses ohne Unterlass Daten und werten sie oftmals ohne jegliche Kenntnis der menschlichen Bewohner_innen aus.

Diese Wohnräume wiederum zielen darauf ab, Teil größerer Infrastrukturen zu sein, nämlich z. B. sogenannter smart cities (Nerea Calvillo, Orit Halpern, Jesse LeCavalier, Wolfgang Pietsch, Test Bed Urbanism, Public Culture, 25:2, 2013). Diese sich selbst organisierenden Städte sind gleichsam ein Umschlagplatz des „Internet der Dinge“. Auf Wikipedia ist die lapidare Beschreibung zu lesen: „Die gesamte städtische Umgebung ist dabei mit Sensoren versehen, die sämtliche erfassten Daten in der Cloud verfügbar machen. So entsteht eine permanente Interaktion zwischen Stadtbewohnern und der sie umgebenden Technologie. Die Stadtbewohner werden so Teil der technischen Infrastruktur einer Stadt.“ (hier).

Die Medien- und Kulturwissenschaftlerin Orit Halpern beschreibt über diese Sicht hinausgehend die Visionen von Sam Palmisano, Chairman von IBM, einem ökonomisch gewichtigen Vertreter für die logistische Ausstattung von smart cities. In dieser Erzählung kündigen sich Stoßrichtung und Konsequenzen der smarten Cities schon etwas deutlicher an. Es geht, so folgert Halpern, schlicht uns Überleben in Environments, die nur noch als digital gesteuerte zu haben sind:

“In glowing terms, Palmisano laid out a future of fiber optic cables, high bandwidth infrastructure, seamless supply chain and logistical capacity, clean environments and eternal economic growth through a new discourse of ‘smartness’. IBM, he argued, would lead the world to the next frontier, a network beyond social networks and mere twitter chats; a future in which humans and machines are integrated into a seamless ‘Internet of Things’ capable of generating data to make decisions, organize production and labor and enhance marketing. An ‘Internet of Things’ with the ability to precipitate greater democracy and prosperity, and perhaps most importantly guarantee the very existence and survival of the human species: bandwidth would come to mean, quite literally, survival.”

Orit Halpern, Smartness as Instrument. Decision making and the legacy of the nervous net, A/R/P/A Journal,  Issue 04, Instruments of Service, Mai 2016

Es tritt in großer Klarheit zutage, dass in diesen vermeintlich intelligenten Städten nur diejeinigen überleben, die auch in das Netz der Infrastrukturen und smarten Dinge eingebunden sind: Connect or die. Mit der Medienwissenschaftlerin Shannon Mattern wäre den Visionen von IBM ob der existentiellen Lage entgegenzuhalten, um was es in den Städten geht:

Then it’s all about data-capture and pattern-spotting and behaviorist explanations. Built environments and technical systems are presumed to inform human behavior, and data about that behavior is fed back into the environment to alter future human behavior. It’s B. F. Skinner with sensors.”

Shannon Mattern, Instrumental City: The View from Hudson Yards, circa 2019, April 2016

Die Auseinandersetzung mit smart houses ist mithin von Interesse, da sie symptomatisch für einen zukunftsträchtigen Kernbereich digitaler Kulturen sind. Denn diese Behausungen stehen für automatische Umwelten, die sich anschicken, Menschen und technische Dinge in ein unauflösbares Handlungsensemble zu verwickeln. In diesem werden zum einen Rolle, Funktion und Selbstverständnis der menschlichen Agierenden neu zu bestimmen sein. Zum anderen sind neue Beschreibungen für Medien und technischer Dinge sowie von Performances der technologischen und menschlichen Agierenden (Vgl.: Martina Leeker, Performing (the) Digital. Positions of critique in digital cultures, in: Martina Leeker, Imanuel Schipper, Timon Beyes (Hg.), Performing the Digital. Performativity and Performance Studies in Digital Cultures, Bielefeld: transcript 2016) zu entwickeln. Karen Barad spricht in diesem Kontext von einer „posthuman performativity“ (Karen Barad, Posthumanist Performativity: Toward an Understanding of How Matter Comes to Matter, 2003). In deren Fokus stehe vor allem ein neues Verhältnis von menschlichen und anderen Agierenden, in dem es keine unabhängigen Entitäten mehr gäbe und keinem der Bestandteile eine Priorität zukomme. Mit dieser Konstitution wird Performativität zu einem nicht vorhersehbaren und kontrollierbaren Operieren verteilter Handlungskräfte.

Als ein Beispiel für Neu-Beschreibungen und deren innovatives Potential kann das Projekt „Furnishing the Cloud“ gelten. Beteiligt waren Forscher_innen verschiedener Universitäten und Colleges in New York (New School for Design, New School for Social Research, School of Media Studies, New School for Public Engagement). Dass neue Weisen des Beschreibens zugleich die Aufgabe haben können und sollten (!), in die sich abschottenden Infrastrukturen zu intervenieren, zeigt sich, wenn die Macher_innen das Konzept beschreiben als: “[…] fostering new directions in studying infrastructure. We want to ‘furnish’ our seemingly ephemeral clouds of data and information with ideas, designs, sentiments, emotions, and encounters.” (hier). Bei dieser „Möblierung“ der opaken infrastrukturellen Umwelten spielte zunächst vor allem die Erfindung eines neuen Vokabulars und dessen Reflexion eine wichtige Rolle:

We need a new vocabulary! The study of infrastructure is dominated by discourses of ‘soft’ and ‘hard’, ‘visible’ and ‘invisible’. These terms constrict us into older conversations about mind/body, materiality/abstraction, modern/not-modern, and West/Non-West. We are trying to find a new way to ‘speak’ and therefore ‘act’. This project is about rethinking how we talk about, envision, and therefore design infrastructures.”

furnishingthecloud.net

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.