Der Workshop. Best Practices

— Martina Leeker, September 2016

Vor dem bisher diskutierten Hintergrund war es Aufgabe des Workshops, Methoden und Praktiken zum Umgang mit smarten Umwelten zu entwickeln. Dabei ging es weniger darum, affirmativ deren Produktivität zu steigern, wie dies am Beispiel der Arbeit von Gesche Joost deutlich wurde. Zu groß sind die Interessen der Daten-Ökonomie, die auf die Erfassung von Daten spekulieren und sich die Bindungssucht der menschlichen Agierenden zunutze machen, dies zu erreichen. Wendy Chun führt luzide aus, dass die Abgabe von Daten gleichsam das Lebenselixier (Wendy Hui Chun, “Big Data as Drama.”, in: ELH 83 (2), S. 363-382, hier S. 367,) der technologischen Umwelten von technischen Dingen und Infrastrukturen ist. Dies gehe soweit, dass sie auch von Fehlern nicht gebremst werden. Sie schreibt:

Algorithms need mistakes—deviations from expected or already known results—in order to learn. Singular events or crises are thus not exceptions, but rather opportunities to improve: they feed the algorithm. Deviations are encouraged, rather than discouraged; deviant decoding makes better encoding possible. Constant participation grounds surveillance.”

Wendy Hui Chun, “Big Data as Drama.”, in: ELH 83 (2), S. 363-382, hier S. 367

Eine auf Dauer gestellte Datenabgabe, die im Nicht-Wissen von deren Politiken stattfindet, wäre mithin Sinn und Zweck der Partizipation an technologischen Umwelten.

Aus den Überlegungen, die Shannon Mattern dazu anstellt, was mit dieser Datenpolitik auf dem Spiel steht, lassen sich weniger affirmative Konzepte als die von Gesche Joost herausarbeiten:

Within this model, people do possess agency, but their actions are framed by their roles as consumers and generators of data. What about human activities that cannot be observed? What about all those potential behaviors that are never enacted, and thus never measured, because the physical space or its regulation prohibits them—or because one’s subjectivity proscribes a repertoire of possible behaviors? What about other modes of action, other means by which people perform their urban citizenship? How will the new methods of measurement and planning inform what it means to be a citizen in a quantitative community?

The trouble with modern theories of behaviorism,’ Hannah Arendt warned in 1958, is ‘not that they are wrong but that they could become true’—that the very instruments used to measure behavior are indicative of, and constitutive of, societies of automatism and ‘sterile passivity.’ The data we generate, based on determinist assumptions and imperfect methodologies, could end up shaping populations and building worlds in their own image.”

Shannon Mattern, Instrumental City: The View from Hudson Yards, circa 2019, April 2016

Wenn die technischen Möglichkeiten und technologisch-konzeptuellen Einschreibungen der smarten Umgebungen vorgeben, welches Verhalten überhaupt erfasst und damit auch weiter entwickelt werden kann, dann bietet dies neben Einschränkungen auch Chancen. Denn es entstehen gleichsam in den Schattenseiten der infrastrukturellen Erfassung Lücken, in denen erstere zum einen unterlaufen werden kann. Zum anderen lassen sich aus den Schattenseiten Verhaltensweisen und Epistemologien herausschälen, die ohne die Begrenzungen nicht denkbar gewesen oder aufgefallen wären. Oder, anders gewendet, es geht darum, die verlorenen, nicht beobachteten und verqueren Verhaltensweisen ausfindig zu machen, die eine selbstermächtigende Aneignung des smart house sowie eine Reflexion von dessen Operationen möglich machen könnten.

In diesem Kontext hatte der Workshop mithin die Aufgabe, Methoden und Praktiken zu erkunden, mit der ambivalenten Situation umzugehen, in der menschliche Agierende mehr von sich selbst erfahren und zugleich auf das technisch Erfassbare reduziert werden. Es geht also nicht mehr um die Frage, wie man den technischen Umwelten entfliehen könnte oder aber wie sie zu stoppen wären. Denn es ist ja, wie herausgearbeitet, unübersehbar, dass menschliche Akteure und technische Aktanten zutiefst verbunden sind und sich in wechselseitigen Performances befinden. In Frage steht vielmehr, welche Verhaltensweisen im Abseits der Datenerhebung liegen, welche Praktiken Schutz bieten, welche Erkenntnisformen und Weisen der Kritik möglich sind in den opaken Systemen und welche Erinnerungen und Archive nötig und machbar sind, um „Best Practices“ verfügbar zu machen. Gerade Formen der Archivierung sind von großer Wichtigkeit, wie sich von den hier vorgestellten Ausführungen von Orit Halpern zur Zeitlichkeit smarter Umwelten ableiten lässt. Sie hatte die auf Vorhersagen fokussierte algorithmische Steuerung für die Geschichtslosigkeit technischer Umwelten und die daraus resultierende Regierung menschlicher Agierender durch Dauererregung verantwortlich gemacht. Letztlich geht es mithin um Selbst-Erkenntnis darin, welche Rollen und Verhaltensweisen vorgeschrieben werden und welche Möglichkeitsräume der Handlungsermächtigung denkbar sind.

Die Vorschläge, die dazu im Workshop entwickelt und erprobt wurden, bestanden zum einen darin, übertriebene, über-affirmative Geschichten zu erfinden, in denen das smart house sowie seine potenziellen, zukünftigen Bewohner_innen ausgestellt und zugleich dekonstruiert wurden. Zum anderen wurden Schutzmechanismen erfunden und vorgestellt, die erst aus den technologischen Bedingungen entstehen. Schließlich entstanden drittens neue Formen von Geschichten, Denkfiguren und Verhaltensweisen, die zutiefst techno-logisch waren und Re-Orientierungen bisheriger Umgangsweisen mit Mensch und Technik einforderten.

Die im Workshop ermittelten Verfahrensweisen der Über-Affirmation, des Performing smart house, mithin das Performen in ihm und das Performen-Lassen des technischen Environment, sowie der queerenden Erfindung sind probate Methoden in dieser Lage, in der es kein Außen für Kritik und Reflexion mehr gibt und man sich in Dauererregung befindet. Mit der queerenden Erfindung ist eine doppelte Strategie gemeint. Man nimmt erstens zunächst eine offene Haltung zu den technischen Umgebungen ein und erprobt diese. Erst aus diesem Zugang werden dann problematische Aspekte digitaler Kulturen ablesbar, die es aus dem konkreten Erleben heraus zu durchkreuzen (queeren) gälte. Die Erfindung entsteht zweitens aus der Aufgabe, einen zeitnahen Science Fiction zu entwickeln. Denn diese Aufgabe ermöglicht es, bekannte und habitualisierte Verhaltensmuster zu überwinden und bisher unbekannte anzusteuern.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.