Yes Men und die Barbiehaare

Künstlerische Interventionen in technologischen Bedingungen digitaler Kulturen

— Martina Leeker, August 2015

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Überblick

Die Künstler-Gruppe The Yes Men ist bekannt für künstlerisch-aktivistische Interventionen. Sie zeigten z. B. durch so genannte Identitätskorrekturen (Till WillMenn, 2004), der eine täuschend echte, aber affirmierend-übertriebene Anverwandlung der Verhaltens- und Sprechweisen von Vertretern weltweit agierender großer Konzerne vorausgeht, die World Trade Organisation (Achtung!) als neo-kapitalistische und skrupellose Ausbeutungsmaschine. Bisweilen greifen die Aktionen in soziale und ökonomische Handlungsfelder ein, wie sich an ihrer Intervention 2004 zum 20. Jahrestag des Unfalls (1984) in einer Pestizide herstellenden Chemiefabrik in Bhopal, Indien zeigte. Sie trieben mit dem gefakten, die Verantwortungslosigkeit bloßstellenden Statement, Dow Chemical würde die Opfer des durch die Union Carbide Corporation, 2001 von Dow Chemical übernommen, verursachten Unfalls entschädigen, die Börsenkurse des amerikanischen Konzerns für 2 Stunden in den Keller.

Anlässlich der Konferenz „Terms of Media“ des Centre for Digital Cultures der Leuphana Universität Lüneburg, initiiert und organisiert von Götz Bachmann, Timon Beyes und Wendy Chun, stellte sich die interessante Aufgabe, Igor Vamos, Gründungsmitglied von Yes Men und als solches bekannt als Mike Bonanno (Achtung!), einführend für seine Keynote vorzustellen. Damit stand zum einen in Frage, mit welchen Methoden und mit welchem Konzept dies angemessen geschehen könne. Zum anderen galt es zum Ort der Veranstaltung Stellung zu beziehen. Sie wurde in der Ritterakademie der Stadt Lüneburg abgehalten, in der im gleichen Zeitraum der NS-Prozess gegen Oskar Gröning (93) vollzogen wurde, dem Beihilfe zum Mord in 300000 Fällen vorgeworfen wurde. Eine kultur- und medienwissenschaftliche Veranstaltung, die zudem mit der Vorstellung eines politischen Aktivisten eröffnet wurde, sollte auf diesen Umstand Bezug nehmen, so der Gedanke. Das politische Tun von Yes Men vorzustellen und dabei dennoch den politisch aufgeladenen Status des Ortes einzubringen, sollte erstens das Faken (PDF, Martin Doll, Widerstand im Gewand des Hyper-Konformismus. Die Fake-Strategien von ‚The Yes Men’, 2008) als Königsdisziplin von Yes Men genutzt und angepasst werden. Es wurde gleichsam in einer Verdopplung getoppt, indem Igor Vamos umstandslos als neoliberaler Mike Bonanno vorgestellt und damit die Aufmerksamkeit der Zuhörer_innen auf die Probe gestellt wurde. Zweitens sollte eine kahlgeschorene Barbie-Puppe die Bedeutung des Ortes herausstellen und zugleich ein Kommentar zur latenten Leichtfertigkeit sein, diesen zu nutzen. Die Wahl fiel auf die Barbie-Puppe, da Igor Vamos 1993 als Barbie Liberation Organization die für das Sprechen von Barbie-Puppen und GI-Puppen Joe verantwortliche Elektronik austauschte, um profitsüchtige Geschlechtszuschreibungen zu entlarven. „Fortan bellte die schöne Blonde im Kasernenhof-Ton eines Feldwebels“ (hier). Im Duktus der Methodologie der Provokation (gehe zu: Provokation) von Yes Men sollte die Barbie-Puppe im Rittersaal die leichtfertige Nutzung des Ortes einspielen und zugleich eine Verneigung vor den Opfern des Nationalsozialismus symbolisieren. Dieser Teil der interventionistischen Vorstellung von Igor Vamos wurde allerdings in der Situation der Vorstellung unmöglich und ad hoc im Geschehen modifiziert.

Die Ereignisse werden hier nun zum Anlass genommen, über die technologischen Bedingungen künstlerischer Interventionen im Ansatz von Yes Men und deren ambivalente Produktivität in digitalen Kulturen zu reflektieren und deren Opfern eine kleine, rituelle Genugtuung zuteil werden zu lassen.

Ins Zentrum der Analyse rückt ein Gedankenexperiment. Die Interventionen der Yes Men sollen nämlich vor der Folie einer theoretischen Erfassung digitaler Kulturen als Geheimnis-Kulturen betrachtet werden, die Claus Pias (Vgl. Claus Pias, Vortrag: Connectives, Collectives and the ‘Nonsense’ of Participation, Zürich Mai 2014) vorgelegt hat. Wenn deren technologische Konstitution nicht mehr durchschaut werden kann und sie unabhängig von Menschen operieren, wie können dann, so die Frage, politische Öffentlichkeit und Partizipation aussehen und welchen Beitrag leisten die Interventionen der Yes Men dazu. Es wird sich zeigen, dass aus Partizipation Rituale und rekursive Operationen werden und statt in die so genannte Wirklichkeit einzugreifen, akribisch eine eigensinnige und konnektive Medien-Wirklichkeit gebaut wird, die insofern am nicht-verratbaren Geheimen partizipiert, als die Handelnden selbst nicht wissen, was je geschehen wird.

Vorstellung
Martina Leeker

Ausschnitt aus dem Grußwort des Präsidenten

Überreichung der Barbie

Beerdigung der Barbiehaare

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.