Partizipation durch Beschämung

— Martina Leeker, August 2015

Ein weiterer Aspekt zeigt sich für die Partizipation in der Geheimnis-Kultur. Partizipation kann in ihr als das Operieren mit Scham beschrieben werden. Diese These kann mit Jennifer Jacquet ausgeführt werden, die Scham und Beschämung (Jennifer Jacquet, Scham. Die politische Kraft eines unterschätzten Gefühls, Frankfurt 2015) als probates Gefühl bzw. notwendige Handlungen herausgearbeitet hat, um Verhaltensänderungen in digitalen Kulturen zu bewirken. Sie führt aus, dass die Einführung eines kollektiven Schamgefühl, das auf der Angst fußt, an den Pranger gestellt zu werden, nötig sei, um überhaupt, wie Yes Men, wirksam in vernetzten Kulturen zu agieren. Damit würde eine individuelle Schuldzuweisung von einem kollektiven Schamgefühl abgelöst. Nimmt man diese Recherche weniger als Handlungsanweisung, denn als Zustandbeschreibung und Analyse von Partizipation in digitalen Kulturen, dann lässt sich konstatieren, dass politisches Handeln in diesen auf Ritualen der Beschämung gründet, die nicht mehr bei der Androhung des Prangers stehen bleiben, sondern die Beschämung auch immer wieder vollzieht. Den Vorgang der Beschämung beschreibt auch Martin Doll in seinen Ausführungen zu Funktion und Wirkung der Aufdeckung der Fakes in Interventionen:

„Durch unsere Einsicht beim Betrachten der Filmdokumente, dass sich die Kritikfähigkeit der einzelnen Beteiligten offensichtlich als sehr gering erwiesen hat, wird für uns ihr Aussagestatus generell zweifelhaft. Des Weiteren wird man mit der Frage konfrontiert, ob die menschenverachtenden Konsequenzen des buchstäblich unglaublichen zweckrational ökonomischen Zynismus, den die Yes Men zelebrieren, noch irgendwie komisch ist. Reflektiert man jedenfalls darüber, dass er weitestgehend unwidersprochen geblieben ist, wird zwangsläufig die Frage aufgeworfen, ob die mit den entsprechenden wirtschaftlichen Positionen verbundene Handlungsmacht bei solch ,irrational’ (re-)agierenden Personen, die Veranstaltungen organisieren, bei denen die Regeln des vernünftigen Denkens komisch außer Kraft gesetzt scheinen, in den richtigen Händen liegt.“

Martin Doll, Spaßguerilla Über die humoristische Dimension des politischen Aktivismus 2012, S. 91, auf academia.edu

Weiteren Aufschluss über diese Form der Partizipation als Beschämung geben die Reaktionen der Zuschauer_innen, genauer der unfreiwillig an der Intervention Beteiligten. Ihre Reaktionen sind medial verbürgt sowie durch Exzerpte von Yes Men dokumentiert. Yes Men schreiben, hier zitiert nach Doll:

“Zuhörer: As I understood it, your risk assessorwill work out what is the human impact threat as opposed to how much money can you make on it. [… ] Whichever way you do this you’re going to cost some lives but if you make some money in the process then it’s acceptable (laughs).

Bichlbaum: Did you find that not, ah…

Zuhörer: No I thought it was refreshing actually.”

Martin Doll, Spaßguerilla Über die humoristische Dimension des politischen Aktivismus 2012, S. 87, auf academia.edu

In den Nach-Erzählungen zu den Interventionen des Yes Men gilt es als ausgemacht, dass die Zuschauer_innen in neoliberalen Haltungen und Verhaltensweisen aufgehen. Dies soll deutlich werden, wenn sie auf die Über-Affirmation der Yes Men hereinfallen und wiederum affirmativ auf diese reagieren. In den retrospektiven Videodokumentationen, die neben anderen Dokumentationsmaterialien auch immer wieder Reaktionen der „Betroffenen“ zeigen, wird diese Sichtweise gleichsam wieder und wieder belegt.

Was geschähe aber, wenn die Filme mit Reaktionen der Zuschauer_innen ohne die im transmedialen Geflecht mitgelieferte Interpretationsbrille angeschaut würden? Man sähe dann vielleicht bei den Zuschauer_innen eher Verwirrung, die ausgelöst wird, weil eine Verschiebung im Vergleich zum ritualisierten Verhalten bemerkt wird. Ein möglicher Ausweg der Betroffenen ist, die Intervention als Show aufzunehmen, als durchaus kritische unterhaltende Einlage. Betroffene können zudem mit höchster Anpassung reagieren, wie sich in einer Intervention bei der Homeland Security Conference in Washington zu erneuerbaren Energien 2014 zeigt, bei dem Abgeordnete einen „Indianer-Tanz“ ausführen. Es wäre bei der Analyse der Partizipation zudem zu berücksichtigen, dass die bisher herangezogenen sozialen Gruppierungen gegebenenfalls nicht über ein differenziertes Verhaltensrepertoire verfügen, um mit den Interventionen umzugehen.

Kritische Verhaltensweisen kommen auffälligerweise aus solchen Kontexten, die mehr Umgang mit abweichendem Verhalten haben, wie die kritischen Reaktionen bei einem Vortrag 2002 vor Studierenden eines College in Plattburg, USA. Sie sollten als Testpublikum genutzt werden für einen Vortrag der Yes Men in der Maske von Repräsentanten von McDonald. Im Vortrag wurde als revolutionäres Konzept zur Bekämpfung von Hunger vorgeschlagen, für die Herstellung von Hamburgern in der dritten Welt Exkrementen zu nutzen. Das heißt, die Inszenierung und Bewertung der Zuschauenden, die bei Yes Men immer auch Teilnehmende sind, ist integraler Bestandteil der Interventionen, da sich mit deren Verhalten die Intervention erst materialisiert, nämlich die vermeintliche Aufdeckung der neoliberalen Grundhaltungen. Es bleibt allerdings ein Verdacht des Fakes. Denn man weiß nicht, ob die Verhaltensweisen inszeniert sind. Auch Hagen Schölzel merkt an, dass die Beschreibung der Reaktionen nicht nachprüfbar ist (Hagen Schölzel, Das Politische als Kommunikationspraxis. Über Interventionen der ‘Kommunikationsguerilla’ in die ‘Kulturelle Grammatik’, 2015, S. 45).

Für die Analyse von Partizipation in digitalen Kulturen lässt sich nun zusammenfassen: Scham und Beschämung wird zur Methode politischen Handelns. Sie sind dabei abhängig von medialer Sichtbarkeit und einer Ökonomie konnektiver Aufmerksamkeit. Eine gleichsam techno-patriarchale Instanz der politischen Teilhabe entsteht, die letztlich nicht mehr zu Handeln, sondern zu einem Zusammenspiel von Schadensfreude, Beschämung und kalkulierter Defensive führt. Dieses zeigt sich, wenn die Rezipienten auf Kosten anderer lachen und die Betroffenen vordergründige Statements zum attackierten Fehlverhalten abgeben.

Zudem kommt das Geheimnis in digitalen Kulturen wieder ins Spiel. Je mehr Transparenz z. B. in den retrospektiven Dokumentationen inszeniert wird, desto mehr Geheimnis kommt auf, da man auf das im Präsenz Geschehene nicht mehr zurückgreifen kann. In einem von den Yes Men erst erzeugten Kontext des Fakens, betriff der Verdacht des Fakes auch die eigene Arbeit. Partizipation entpuppt sich als „Geheimmachung“. Das heißt, politische Öffentlichkeit in digitalen Kulturen ist selbst integraler Part der Geheimnis-Kultur. Interventionen in digitalen Kulturen entsprechen mithin der Kontrolle mit Hilfe von Beschämung und nicht länger dem Ideal einer Umcodierung kultureller oder diskursiver Ordnungen (Vgl. exemplarisch: Hagen Schölzel, Das Politische als Kommunikationspraxis. Über Interventionen der ‘Kommunikationsguerilla’ in die ‘Kulturelle Grammatik’ 2015).

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.