Nachspiel: Die Bestattung der Barbiehaare

— Martina Leeker, August 2015

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Es blieb ein ungutes Gefühl zurück. Dieses hing zum einen mit dem Sog des Performativen zusammen, der auch dazu verleiten kann, etwa in der fakenden Vorstellung Grenzen, im einfachen Sinne des Respekts vor anderen Menschen, zu überschreiten. Zum anderen stellte sich ob der Verwendung der Barbiepuppe ein Unwohlsein ein. Sie wurde zunehmend zu einem Affront gegen die in Konzentrationslagern ermordeten Menschen.

Das Unwohlsein heftete sich an die abgeschnittenen Barbiehaare, die die Performerin aufgehoben hatte. Die Spirale der Symbolischen, die Jürgen Riethmüller (Jürgen Riethmüller. (Wann) Soll politischer Aktivismus als Kunst anerkannt werden? 2013, S. 17) in seiner Auseinandersetzung mit künstlerischen Interventionen beschrieben hatte, erhielt einen neuen Status. Riethmüllers Überlegung war, dass es im Kontext von Interventionen als Handeln auf ein Handeln zu einer gesteigerten Empfindlichkeit gegenüber Symbolen komme. Diese sah er als Einfallstor für Interventionen, die vor allem von künstlerischen Methoden profitieren würden, da der Staat eher symbolisch Sanktionen vornimmt, denn real zu handeln.

Diese gesteigerte Symboliztät zeigte sich nun von einer anderen Seite. Sie legte nicht Handlungen lahm, wie etwa in Riethmüllers Bild von der nicht eingreifenden Polizei. Sie führte vielmehr aus dem selbstbezüglichen Rahmen der Interventionsketten hinaus zu einem Rest Wirklichkeit, der nicht eingeholt werden kann. Die Barbiehaare wurden zum Symbol für die Unzulänglichkeit von Symbolen, sowie von Medien, das Leid der Menschen jüdischen Glaubens und der Verbrechen an ihnen würdig zu repräsentieren.

So kam der Entschluss, die Barbiehaare als Ausdruck der Entschuldigung für die eigene Leichtfertigkeit zu bestatten. Diese Aktion sollte medial beglaubigt werden, indem sie, auch auf die Gefahr hin, in eine mediale Verkettung eingefügt zu werden, auf Video festgehalten wurde. Dieser Verkettung zu entgehen und eine mediale Glaubwürdigkeit herzustellen, wurde die Aktion entpersonalisiert, da die Performerin nicht zu erkennen ist. Es ging nicht um die Tat einer bestimmten Person, sondern um einen bescheidenen symbolischen Akt, mit der performative Überschwänglichkeit abgegolten werden sollte.

Wenn das Politische in digitalen Kulturen vor allem selbstbezüglich und performativ ist und sich im Fake mit der Macht involviert und dabei auch selbst Opfer hervorbringt, dann sollten ihnen Rituale und rituelle Orte zur Seite gestellt werden, an denen den Opfern eine Art der Wiedergutmachung widerfährt.

So läuft die Vorstellung von Igor Vamos mit der Barbiepuppe zurück auf die Betroffenen in Bhopal, denen mit den Interventionen allein nicht geholfen werden kann. Vielleicht bedarf es auch und gerade in digitalen Kulturen tradierter Formen der Bewältigung von Schmerz, Trauer und Leid durch Zerstörung wie Rituale (Christoph Wulf, Wofür brauchen wir Rituale? 2010).

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.