Bumerang-Effekt

— Martina Leeker, August 2015

Das System wirkt zudem zirkulär und fällt gleichsam ansteckend auf die Akteure zurück, die die Verkettungen im Zugzwang auslösten, wie sich aus einem Live-Interview mit der BBC ablesen lässt. Servin erläutert hier die Intentionen von Yes Men, die mit dem Bhopal-Projekt verfolgt wurden. Er betont, dass es ihnen darum ging, zum einen die „wahre“, vom Marktliberalismus geprägte Sicht von Dow Chemical zu zeigen. Zum anderen wollten sie ein Nachdenken über alternative Verhaltensmöglichkeiten entfachen. Dazu führt Servin im Interview u. a. an, dass Dow für die aufwendige medizinische Versorgung der Beschädigten des Chemieunfalls zahlen könne. Servin zeigte dabei auf, dass die bisher von Dow gezahlte Summe, die der Konzern im Zuge der Intervention zu seiner Rechtfertigung vorschob, um keine weiteren Zahlungen zu leisten, bei weitem nicht ausreiche. Es steht in Frage, ob sich Yes Men mit diesem argumentativen Zug, ähnlich wie Dow Chemical, in eine Logik letztlich marktwirtschaftlich motivierter Überlegungen begeben. Diese aber funktioniert bei genauerer Betrachtung nicht auf der Ebene einer finanziellen Entschädigungslogik, sondern, perfider noch, mittels diskursiver Deutungsmacht, die darüber entscheidet, wer überhaupt ein Unfallopfer ist und behandelt wird. Die Sambhavna Clinic nämlich, so die Journalisten Dirk Peitz und Alex Masi 2012 in einer Reportage in „Die Welt“:

„[…] behandelt (Patienten, Einfügung M.L), egal, ob ihre gesundheitlichen Probleme von der Gas-Katastrophe oder der Wasserverseuchung herrühren. Andere Krankenhäuser in Bhopal, etwa das mit Geldern der UCC-Kompensation erbaute Bhopal Memorial Hospital, machen da einen klaren Unterschied: Gas-Opfer werden kostenlos behandelt, Wasser-Opfer nicht. Zur Verantwortung für die Gas-Katastrophe hat sich UCC mit der Kompensationsregelung bekannt, zur Verantwortung für die Wasserverseuchung nicht.“

welt.de

Interventionen könnten mithin bei genauerer Kenntnis der Organisation und Verwaltung der Betroffenen in Bhopal präziser ansetzen und damit einer marktwirtschaftlich vereinnehmbaren Entschädigungslogik entgehen.

Der Ansteckungseffekt zeigt sich schließlich auch daran, dass diese Bhopal-Aktion der Yes Men hier noch einmal ausführlich geschildert wird, obwohl sie bereits an vielen Stellen umfänglich beschrieben worden ist, so dass die Details und Zusammenhänge hinlänglich bekannt sind. Der Zugzwang erstreckt sich also bis hin in die wissenschaftliche Arbeit, denn es ist lustvoll ob der Verquickung der Ereignisse, diese zu rekonstruieren und dabei so zu pointieren, dass ein Textfluss entsteht. Damit zeigt sich, dass die wissenschaftliche Analyse Teil des Systems des Zugzwanges sowie der Ansteckung ist und als solcher zur Erzeugung sowie zur Wirksamkeit der Interventionen durch die fortlaufende Erzählung ihrer Abläufe, Logik und Zusammenhänge beiträgt; wobei Variationen in den Erzählungen ein gleichsam originärer Beitrag dieses Systems des Zugzwangs durch die wissenschaftlichen Analysen sind. Aus diesem Umstand wird sich u. a. die Ambivalenz der Interventionen herausarbeiten lassen, die sich vor allem aus der Lust am Wiederholen und operativen Verketten zu konstituieren scheint.

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Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.