Herrschaft des Fakes

— Martine Leeker, August 2015

Von besonderem Interesse für die spezifische Funktionsweise und Konstitution des Machtspiels im Gestus von Yes Men ist nun der Fake. Denn das Faken als künstlerische Praxis entspricht dem verzwickten Ausnutzen einer systematischen Verfasstheit von Machtbeziehungen, wie Riethmüller beschreibt:

„Denn, noch einmal, das Machtspiel ‚funktioniert […] auf der Basis einer Fiktion, einer nicht realisierten zweiten Realität’ (Luhmann 2000: 47). Damit befindet man sich auf dem ureigenen Feld der Kunst: dem der Fiktion; hier kann sie besser ansetzen als die ‚direkte Aktion’, die meist nur die eigene Machtunterlegenheit reproduzieren wird. Denn die Macht will beispielsweise ihre negative Alternative, die Machtdrohung, in der Regel nicht realisieren, will unsichtbar bleiben, […] Die Polizei darf erscheinen, aber sie sollte nicht genötigt sein, zuzupacken.“

Jürgen Riethmüller. (Wann) Soll politischer Aktivismus als Kunst anerkannt werden?, 2013, S. 17–18, p-art-icipate.net

Effekt dieser Konstitution von Machtbeziehungen, die sich aus der Mitführung des Fiktiven als zweiter Realität konsolidieren, ist, so Riethmüller weiter, eine „gesteigerte Symbolizität“:

„[…] in Luhmanns Worten: ‚Das Ausschließen des anwesenden Ausgeschlossenen erfordert laufende symbolische Anstrengungen. […] Gesteigerte Symbolizität […] bedeutet auch gesteigerte symbolische Empfindlichkeiten. Die Macht darf sich keine erkennbare Schlappe leisten, weil dies Konsequenzen hätte, die über den Einzelfall hinausgehen.“

Luhmann 2000: 48 nach Jürgen Riethmüller. (Wann) Soll politischer Aktivismus als Kunst anerkannt werden?, 2013, S. 18, p-art-icipate.net

Diese Lücke, so Riethmüller, nütze nun die künstlerische Intervention, um das Ausgeschlossene sichtbar zu machen:

„In jedem Fall gilt aus Sicht der AktivistInnen, dass die Macht als Medium des Politischen ein prinzipiell offener Möglichkeitsraum ist, und gerade an diesem Punkt bietet die Kunst einen wichtigen, oft genug den einzigen Weg einer Intervention.“

Jürgen Riethmüller. (Wann) Soll politischer Aktivismus als Kunst anerkannt werden?, 2013, S. 17, p-art-icipate.net

Im Gegensatz zu Riethmüller soll die „gesteigerte Symbolizität“ hier nun allerdings in einer anderen Weise ausgelegt werden. Denn das Mitführen des Fiktiven sowie dessen Ausnutzung bilden nicht nur das Einfallstor für politische Interventionen. Sie bedingen zudem eine Überhitzung der Symbolempfindlichkeit, die die treibende Kraft im Machtspiel der Yes Men und der Akteure ist, die sich daran beteiligen oder beteiligt werden. Es entsteht eine gesteigerte Aufmerksamkeit für mögliche gefakte Ereignisse (Fake à la Yes Men?), wie 2011 der Fall von Alessio Rastani zeigt:

 „Rastani hatte am Montag mit der Aussage einen Sturm der Empörung ausgelöst, er träume von einer neuen Rezession und die US-Investmentbank Goldman Sachs regiere die Welt. Die meisten seiner Kollegen scherten sich nicht darum, welche Pläne Politiker als Ausweg aus Krisen schmiedeten, versicherte Rastani. Ihr Job sei es schlicht, daraus Kapital zu schlagen. Als der BBC-Moderator ihn schockiert anschaute, ergänzte Rastani: ‚Die Regierungen beherrschen die Welt nicht. Goldman Sachs regiert die Welt.’“

welt.de

Es wurde schnell vermutet, dass Yes Men hinter dem Event stecken könnten, wie der „Spiegel“ berichtet:

„Rasch wurden jedoch Zweifel an Rastanis Identität laut. Mit seinen gegelten Haaren, der rosafarbenen Krawatte und den zynischen Sprüchen war er geradezu die Karikatur des geldgierigen Traders. Auf Twitter wurde spekuliert, ob er vielleicht einer der ‚Yes Men’ sei, einer Gruppe von Spaß-Aktivisten, die sich mit falscher Identität auf Konferenzen und ins Fernsehen schleichen. Die ‚Yes Men’ dementierten dies, zogen aber ihren Hut vor Rastani und gratulierten ihm zu seiner ‚meisterhaften Performance’.“

spiegel.de

Auf ein unklares Ereignis, das durch ihre Methode des Fakens erst möglich wurde, antworten Yes Men mit Affirmation und damit mit einer Vereinnahmung.

Es lässt sich zusammenfassen, dass mit dem Machtspiel ein eigenes Regime entsteht, das seine Anhänger ebenso in eine Hab-Acht-Stellung drängt wie Konzerne und Medien. Es entsteht ein selbstbezügliches System, das u. a. durch die Interventionen von Yes Men erzeugt wurde und sich als Machtspiel selbst genügt. Die Interventionen schaffen mithin nicht a priori einen Möglichkeitsraum für Kritik an und Analysen von Machtbeziehungen. Sie erzeugen Machtbeziehungen vielmehr erst, die deren Durchbrechung und Störung erschweren. Denn das Machtspiel funktioniert eigenwillig, da eine Aktion in der Logik der im Zugzwang verkoppelten Akteure weitere Schritte nach sich zieht. Es geht mithin um ein Spiel im Format einer selbstbezüglichen Operationskette.

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.