Immer im „Jetzt“

— Martina Leeker, August 2015

Mit der verdrehten Zeitlichkeit der Interventionen bestätigt sich nun die Überlegung von Claus Pias (Vgl. hier und ff.: Claus Pias, Vortrag: Connectives, Collectives and the ‘Nonsense’ of Participation, Zürich Mai 2014), dass in digitalen Kulturen, werden sie nicht mehr mit modernen, sondern mit vormodernen Konzepten und Begrifflichkeiten gedacht, das Konzept einer auf Entscheidungen fußenden politischen Öffentlichkeit und Partizipation zusammenbricht. Denn die modernen Versionen würden auf der Idee gründen, dass Staat und Politik auf Transparenz hin angelegt seien, so dass dessen Subjekte sich durch ihr Wissen und ob der Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen auf eine bessere Zukunft hin engagieren könnten. In der Vormoderne aber habe der Souverän das unsagbare Geheimnis verkörpert und Partizipation aus der Zustimmung der Untertanen im absoluten Jetzt bestanden. Wo die Moderne im Futur existierte, war die Vormoderne also Gegenwart. Claus Pias (Vgl. Claus Pias, Vortrag: Connectives, Collectives and the ‘Nonsense’ of Participation, Zürich Mai 2014) spricht im Hinblick auf digitale Kulturen mit Friedrich Kittler (PDF, Grammophon, Film. Typewriter 1986) ob der alle Medien kassierenden, sich selbst genügenden Digitalisierung in einem ans Vormoderne angelehnten Sinne von einem Absolutismus der Gegenwart. Zu diesem geselle sich angesichts des selbstbezüglichen Regime des Feedback in der Kybernetik (PDF, Claus Pias, Zeit der Kybernetik 2004) ein absolutes Wissen (Vgl. Claus Pias, Vortrag: Connectives, Collectives and the ‘Nonsense’ of Participation, Zürich Mai 2014), das in einer endlosen Schleife auch jenseits der Eingriffe von Menschen prozessiert würde. An die Stelle des Verstehens, so wäre zu schließen, tritt in vormodernen wie in digitalen Zeiten ein nicht zu hinterfragendes Folgen und Befolgen.

Dieses zeitliche und epistemologische Regime zeichnet nun auch die Interventionen der Yes Men aus. Indem sie aus Zufällen zusammengebaut und erst retrospektiv als kohärente Gebilde zusammengefügt werden, existieren sie nämlich nur in der Gegenwart. Eine Zukunft, auf die hin Interventionen geplant und Entscheidungen getroffen werden könnten, gibt es nicht. Von dieser Situation sind die im Fake Bloßgestellen wie die Macher gleichermaßen betroffen. Sie sind im Jetzt, was kommen könnte, weiß man erst, wenn es geschieht. Man kann auf Grund der Komplexität des Konnektivs sowie der Kraft des Performativen nicht entscheidend Einfluss darauf nehmen und folgt den Events. Wo also in der Vormoderne ein Souverän am absoluten Platz gestanden haben mag, ist es nun eine Mischung aus Konnektiv, technologischen Verfahrensweisen, performativen Performanzen und vielleicht einfach dem Zufall, die Partizipation und Transparenz verunmöglicht; ein Umstand, dem spielerisch begegnet wird.

Diesem Zeit-Regime wäre mit Yes Men hinzuzufügen, dass ihm eine Melancholie für das Vergangene innewohnt, mit der Ritualität auch perspektivisch an die Stelle von Handlungsphantasien gesetzt wird. Das Web ist übersät mit Dokumenten zu vergangenen Aktionen; fast wie ein Museum zur konnektiven Erinnerung an Interventionen und Performances, die immer wieder an die Möglichkeit zum Handeln gemahnen und abrufbar sind, solange das Web besteht. Die Seiten, die über die Aktionen der Yes Men berichten, erzeugen eine Redundanz, die an die Erinnerungskultur oraler Kulturen erinnert, in denen die Wiederholung Vergehendes gegenwärtig hält. Um sich in digitalen Kulturen seiner selbst gewahr zu werden und handlungsfähig zu sein und zu bleiben, bedarf es anscheinend einer digital erstellten und aufrechterhaltenen rituellen Vorlage und Präsenz, die wiederholt werden kann, wie die Interventionsmuster der Yes Men.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.