Interventionen erzeugen Wirklichkeit

— Martina Leeker, August 2015

In der Analyse der Machtbeziehungen hatte sich bereits angedeutet, dass mit den Interventionen von Yes Men durch das Prinzip des Zugzwangs (Martin Doll) ein machtvolles und eigensinniges System entsteht. Entscheidend ist nun, dass aus diesem Prinzip nicht nur Formen der Machtausübung hervorgehen, sondern auch die Verfasstheit von Wirklichkeit in digitalen Kulturen erzeugt wird. Wenn Yes Men nämlich für sich in Anspruch nehmen, dass sie das „wahre“ Gesicht von Konzernen und Marktliberalismus zeigen würden, so wird dieses nicht abgebildet oder aufgedeckt, sondern im System des Zugzwangs erst hergestellt, in das die unterschiedlichen Akteure, darunter die Darsteller von Yes Men selbst, verstrickt werden. Unter den Bedingungen digitaler Technologien wird aus dem Zugzwang mithin ein System selbstbezüglicher Verkopplungen und Adressierungen von Daten im Web wie in der Wirklichkeit, in dem Geschichten über die Wirklichkeiten verteilt und gesichert werden.

Ein Erfahrungsbericht des aktivistischen Journalisten Marc Fischer (Nachruf von Dirk Peitz), der im April 2011 starb, von 2009 zeigt die hektische mediale Verkettung unterschiedlicher Wirklichkeitsmodi und Aktionen im Kontext eines Projektes mit den Survival Balls:

„Am nächsten Tag, zehn Uhr morgens, kommt es am Ufer des East River auf Höhe der 23. Straße dann doch noch zum Einsatz der SurvivaBall-Überlebensbälle, die sich die Aktivisten so gewünscht hatten. Etwa 20 von ihnen sind in die grotesken Kostüme geschlüpft, die von den Yes Men als Schutzanzug-Karikatur für gefräßige Manager-Typen entwickelt wurden. Darin könne ein Umweltzerstörer die Umwelt fröhlich immer weiter zerstören, weil ihm weder Feuer, Sintflut, Erdbeben noch Atomverseuchung gefährlich würden. Allerdings muss er dann auch rumlaufen wie ein grauer Teletubby. Ob die Bälle funktionieren oder nicht, werden die Aktivisten gleich herausfinden, denn sie sollen ins Wasser des East River wackeln und zum etwa einen Kilometer entfernten UN-Hauptquartier rüberschwimmen, wo die Führer der Staaten dieser Welt gerade zum bevorstehenden Klimagipfel von Kopenhagen tagen. Dort sollen sich die SurvivaBalls ein paar Spitzenpolitiker greifen und dazu bringen, endlich bindenden Verträgen zuzustimmen.

Gerade, als sie ins Wasser wollen, passiert das, was Andy sich am Vortag gewünscht hat: Drei Boote der Küstenwache blockieren die Bälle, von der Straße aus tönen Polizeisirenen, über uns kreist ein Hubschrauber mit Scharfschützen. Der einsatzleitende Sergeant erklärt, er habe gerade einen Notruf bekommen, in dem es sinngemäß hieß, 20 übergroße Zwiebeln ungeklärter Herkunft hätten sich ins Wasser des East River begeben. Ob Mr. Bichlbaum das irgendwie spezifizieren könne. ‚Wir testen unsere Überlebensbälle für die nahende Umweltkatastrophe’, sagt Andy. Er bleibt ganz ernst dabei, wie damals, als er bei der BBC Jude Finisterra war. ‚So so. Eine nicht angemeldete Demonstration und Störung also’, sagt der Polizist, lässt sich Andys Ausweis geben und verschwindet kurz im Wagen. Als er zurückkommt, nimmt er Andy fest. Es liege noch ein früherer Haftbefehl gegen ihn vor. ‚Welcher denn?’ fragt Andy. ‚Sie sind mal mit dem Fahrrad durch den Washington Square Park gefahren. Das ist verboten, dafür haben Sie ein Ticket bekommen und nie bezahlt.’ Ein Yes Man, der wegen falschen Radfahrens verhaftet wird – das ist so absurd, dass Andy zum ersten Mal an diesem Tag aus seiner Rolle fällt und lachen muss. Auch dann noch, als die Handschellen zuschnappen. Bevor der Sergeant ihn abführt, drückt mir Andy schnell seinen Fahrradschlüssel in die Hand; daran hängt auch ein USB-Stick mit Foto- und Filmdateien von dem Polizei-Einsatz. ‚Kümmerst du dich darum?’ Die nächsten 24 Stunden wird er in Haft verbringen, ein treuer Märtyrer der Bewegung. Ich blicke Andy kurz nach, dann nehme ich sein Mountainbike und fahre los, quer durch New York zu Mike, der schon im Büro auf den Stick wartet. Der Wind bläst mir ins Gesicht, ich springe über Kantsteine, an Menschen, Hunden, Autos vorbei, schneller, immer schneller.“

fluter.de

Diese Wirklichkeit digitaler Kulturen, speziell im Feld des interventionistischen Handelns, entspricht einer Organisation nach Operationsketten, in die all das eingebaut wird, was zufällig, unvorhersehbar und ereignishaft während der Aktionen geschieht. Die Abläufe sind schnell und geschehen in der Logik des performativen Regimes des Fakens, das Handeln und Aktion vor dem Nachdenken priorisiert. Das Zufällige und Ereignishafte der Interventionen entspricht deren Konstitution im Nicht-Verstehen, da Yes Men nicht genau wissen, was geschehen könnte und wie das einmal Begonnene weitergehen wird. Diesen Zustand kompensieren sie zugleich, indem sie aus den Versatzstücken dennoch nachträglich (!) eine Erzählung zusammenbauen und tradieren. Yes Men erscheinen derart als eine Art Polit-Performance, an die – wie früher an Clowns – delegiert wird, für ein Kollektiv technische Konnektionen mit symbolischen Bedeutungen zu belegen.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.