Performance der Konnektive

— Martina Leeker, August 2015

Welche Form von Gemeinschaft entsteht nun in diesen diskursiven Erzeugungen und Zurichtungen, die als solche nicht offen gelegt werden. Gemeinhin wird auch in digitalen Kulturen noch von einer Kollektivität ausgegangen, mit der politische Öffentlichkeit und politisches Handeln hergestellt werden. „Kollektivität“ wird in den Interventionen des Yes Men allerdings auf Grund der Rekursion als Partizipation sowie der rituellen Verfasstheit zu einem Konnektiv. Denn es entsteht ein Ensemble unterschiedlicher Operierender, das nicht intentional vorgeht, sondern dem Zufall sowie der Eigendynamik des Performativen ausgesetzt und den Möglichkeiten technischer sowie performativer Konnektionen unterworfen ist.

Die performative Seite der Interventionen leistet einen Beitrag zu aktuellen Theorien zu symmetrischen Handlungsagenturen (PDF, vgl. u. a. Erhard Schüttpelz, Elemente einer Akteur-Medien-Theorie 2013), mit denen versucht wird, sozio-technische Gefüge in digitalen Kulturen neu zu beschreiben. Neu ist an ihnen, dass technische und humanoide Parts für „die wechselseitige Verfertigung gemeinsamer Abläufe, Ziele oder Mittel“ (Erhard Schüttpelz) kooperieren. Auffällig ist an diesen Konzepten und Modellen aber, dass sie an Vorstellungen einer auch auf Menschen bezogenen Gemeinschaft und damit an Vorstellungen von auf Subjekte bezogene Handlungen gebunden bleiben. Mit den Interventionen des Yes Men wird allerdings deutlich, dass nicht Individuen, sondern Typen und Positionen in einem Simulationsmodell des Neoliberalen konnektet werden. Statt von einer Gemeinschaft könnte man somit eher von einem Konnektiv der Diskursverkörperung sprechen. Dieses ist zudem hochgradig performativ und wird durch eine Eigendynamik des ritualisierten Handelns geprägt. Das heißt, der freien wechselseitigen Verfertigung stehen performative Unkontrollierbarkeit ebenso im Wege wie die Operativität des „Zugzwangs“, mit dem das Konnektiv performt wird. Beiden müssten als Aspekte der Beschreibung von Gemeinschaftsformen politischen Handelns in digitalen Kulturen hinzugefügt werden.

Der Übergang vom Kollektiv zum Konnektiv entsteht zudem durch die eigene Zeitlichkeit der Interventionen in ihrer medialen Präsenz. Diese sind insofern Effekt von Konnektionen, als sie erst im Nachhinein aus einzelnen Teilen unter Mithilfe von zahlreichen Konnektoren (Vgl.: Bernhard Pörksen. Trolle, Empörungsjunkies und kluge Köpfe. Die fünfte Gewalt des digitalen Zeitalters, 2015), etwa Yes Men selbst, Journalisten, Aktivisten, Forscher, Fans und Kritiker zu einem kohärenten Ganzen zusammengeschlossen werden. Die einzelnen Ereignisse haben keine eigene Bedeutung, sie werden erst retrospektiv in der Kette der technischen und narrativen Operationen. Sie sind vielleicht im Vollzug nie so gewesen, wie sie durch die medialen Dokumentationen gemacht und bewahrt werden.

Diese retrospektive Existenz scheint auch zu bedingen, dass die Interventionen der Yes Men reproduzierbare Muster von Interventionen mit Fake und Über-Affirmation als einer eigenen Methodologie ausbilden. Sie stehen für Formate, mit denen politisches Handeln und Kollektivität in auf Vernetzung beruhenden Gesellschaften erzeugt werden können. Dabei werden als enorme kulturelle Leistung Handeln, Medien und Lokalitäten exemplarisch zusammengefügt, mit Sinn belegt und gesichert. Die künstlerischen Interventionen übernehmen also einen wichtigen Part in digitalen Kulturen bezogen auf Wissen, Geschichte und Politik im Web. Die Interventionen dienen nicht nur dem Einschreiten in politische und ökonomische Verhältnisse sondern auch, vielleicht vor allem, der Erzeugung von Handlungs- und Sinngebungsmustern. Als dies geschieht mit Hilfe technischer Konnektivität, so dass aus Kollektiven Konnektive (Vgl. Vgl. Claus Pias, Vortrag: Connectives, Collectives and the ‘Nonsense’ of Participation, Zürich Mai 2014) werden.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.