Machtspiele der Interventionen

— Martina Leeker, August 2015

Machtstrukturen und Machtbeziehungen ist nach Michel Foucault (PDF, Michel Foucault, Analytik der Macht, Frankfurt a. M. 2005) bekanntlich nicht zu entkommen. Dies gilt auch für politische Interventionen mit künstlerischen Mitteln wie die der Yes Men. Diese weisen zudem eine besondere Beziehung zu Machtverhältnissen auf, die durch die Methoden entsteht, mit denen Widerstand geleistet werden soll. Es kommt zu einem sich wechselseitig bedingenden und aufschaukelnden Machtspiel zwischen den Aktivisten, den Medien und den „angegriffenen“ Konzernen, das letztlich mehr über die Konstitution von Macht in digitalen Kulturen aussagt, als intervenierend in diese einzugreifen.

Machtbeziehungen entstehen gleichsam a priori in freiheitlich organisierten Gesellschaften, da, so Martin Doll (Widerstand im Gewand des Hyper-Konformismus. Die Fake-Strategien von „The Yes Men“, Schliengen 2008), jede Gruppierung auf das Handeln anderer einwirken wolle. Foucault spricht von einem Handeln auf Handlungen, denn Machtausübung:

„[…] ist ein Ensemble von Handlungen in Hinsicht auf mögliche Handlungen; sie operiert auf dem Möglichkeitsfeld, in das sich das Verhalten der handelnden Subjekte eingeschrieben hat; sie stachelt an, gibt ein, lenkt ab, erleichtert oder erschwert, erweitert oder begrenzt, macht mehr oder weniger wahrscheinlich; im Grenzfall nötigt oder verhindert sie vollständig; aber stets handelt es sich um eine Weise des Einwirkens auf ein oder mehrere handelnde Subjekte, und dies, sofern sie handeln oder zum Handeln fähig sind. Ein Handeln auf Handlungen.“

Michel Foucault, Das Subjekt und die Macht, S. 255, nach ssoar.info (PDF)

Jedes widerständige Verhalten ist damit eine Fortsetzung dieser Machtbeziehungen, das die Sicherung der Machtausübung garantieren soll. Es kommt mithin zu einem Machtspiel, dem nicht zu entkommen ist. In diesem Spiel sind auch Yes Men nicht frei von Machtausübungen, im Gegenteil, sie werden zu dessen integralem Bestandteil und erzeugen es erst mit, wie sich etwa am Handeln in Zugzwang der Medien sowie von Dow zeigt. Effekt ist nach Doll:

„[…] Yes Men können in Bezug auf Machtbeziehungen neben dieser Erschließung von Freiheitsräumen und der Sichtbarmachung bestimmter Strukturen zwar nur minimale Umgestaltungen, Image-Korrekturen und Verschiebungen im öffentlichen Verständnis des organisierten Welthandels sein, aber damit dennoch den Boden für weitere mögliche Transformationen bereiten. […] Das experimentell erlangte Wissen um diese Macht- und Kommunikationsbeziehungen erschließt somit Ansatzpunkte möglichen Widerstands, setzt einen Agonismus in Kraft, indem ein Horizont möglichen Handelns und Handels aufgespannt wird.“

academia.edu (PDF, S. 257)

Mit Foucault folgert Doll:

„’Die Machtbeziehungen zum Erscheinen zu bringen, heißt, so wie ich es verstehe, auf jeden Fall zu versuchen, sie gewissermaßen wieder in die Hände derer zu legen, die sie ausüben.’“

academia.edu (PDF, S. 258)

Diese Rückgabe entspricht nicht einer Befreiung deren, die zum Handeln gebracht werden, sondern vielmehr werden mit ihr wohl die Wechselspiele klarer, in denen mal der Eine und mal der Andere Macht ausübt.

Ein Aspekt im Machtspiel mit Interventionen ist zudem die Verwertungsökonomie neoliberaler Kulturen, die sich, so der aktuelle Diskurs (Jürgen Riethmüller. (Wann) Soll politischer Aktivismus als Kunst anerkannt werden? 2013, S. 17), dadurch auszeichnen, dass sie nicht mehr verbieten oder ausschließen, sondern Handlungen, auch Widerständige, in Positives wenden und so selbsttechnologisch und ökonomisch vereinnahmen.

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.