Diskursive Erzeugung der marktliberalen Weltlage

— Martina Leeker, August 2015

Die Analyse der Reaktionen, die die Zuschauer_innen zeigen, legt die Vermutung nahe, dass die Interventionen nicht schlicht eine verborgene Wirklichkeit aufdecken, sondern diese diskursiv erst herstellen. Die Beschämungen der Akteure funktionieren nämlich nur im in den Interventionen erst erzeugten, großen neoliberalen Kontext mit seinen marktwirtschaftlich agierenden und die Umwelt ausbeutenden Konzernen. Mit dieser In-Existenz-Setzung können der Fake als Diskurs und damit der prekäre Status der Intervention und Partizipation lesbar gemacht werden. Es steht nämlich in Frage, ob die Reaktionen tatsächlich die neoliberalen, menschenverachtenden Untertexte aufdecken, oder ob sie nicht vielmehr dazu gebracht werden, diese zu zeigen, indem sie in einer spezifischen Weise inszeniert und interpretiert werden? Intervention und Partizipation würde dann zu Diskursmächten, die sich geschickt digitaler Medien bedienen.

Die Diskursivität des Fakes erschließt sich, wenn dessen Anliegen genauer betrachtet wird. Es soll eine verborgene Wirklichkeit sichtbar machen, wie Martin Doll erläutert:

„Wie Michel Foucault bei der Diskursanalyse, zu deren zentralen Anliegen es gehört, scheinbar selbstverständlichen Einheiten ihre ‚Quasievidenz zu entreißen’, ihnen ihre täuschende bzw. ‚scheinbare Vertrautheit’ zu nehmen, so insistiert Pirandello auf der durch vom Humoristen angestoßenen ‚Reflexion, die in allem eine illusorische, eingebildete oder künstliche Konstruktion erblickt, die sie mit Hilfe scharfsinniger, subtiler und präziser Analysen auseinandernimmt und zerlegt.’“

Martin Doll, Spaßguerilla Über die humoristische Dimension des politischen Aktivismus 2012, S. 92, auf academia.edu

Statt Diskursanalyse so zu verstehen, dass sie den „wahren“ Diskurs ans Licht bringt, könnte ihre Aufgabe auch darin gesehen werden, die diskursive Gewordenheit herauszuarbeiten sowie die Machtbeziehungen, die sich aus dem Gewordenen ergeben. Mit diesem Zugang würden die Aufdeckungen der Fakes einen anderen Status erhalten. Yes Men würden dann auf den rituellen Rahmen der angegriffenen Organisation mit einem weiteren Diskurs antworten, nämlich dem über marktliberale Gesellschaften. Das heißt, sie legen nicht eine verdeckte Wirklichkeit frei, sondern sie erzeugen retrospektiv eine Wirklichkeit, indem sie den Diskurs, in den sie intervenieren, aufrufen und ihn mit einem weiteren Diskurs interpretieren.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.