Performativität im Digitalen

— Martina Leeker, August 2015

Durch dieses antizipierende Verhalten nähern sich die Interventionen in der Erzeugung von Wirklichkeit einer simulativen Performativität. Diese lässt sich ableiten von Computersimulationen, die in digitalen Kulturen zum durchschlagenden Epistem werden. Als probates Beispiel für diese Performativität kann die Klimasimulation herangezogen werden, wie Claus Pias (Claus Pias, Das Digitale denken. Die Zeit, die aus der Kälte kam) innovativ herausgearbeitet hat. Sie zeige, dass und wie Simulation integraler Bestandteil der Konfigurierung von Handeln, Wissen und Wirklichkeit ist, da sie Aussagen und Vorhersagen trifft, nach denen Wirklichkeit wird. Es geht dabei nicht mehr um eine Kritik der Konstruktivität (Claus Pias, Das Digitale denken. Die Zeit, die aus der Kälte kam), so Claus Pias, da das Mittun der Simulationen bei der Konstitution von Wirklichkeit längst akzeptiert ist, zumal sie im Hinblick auf die Lösung der bedrohlichen Klimaprobleme unerlässlich sind. Das heißt, mit der simulativen Performativität dringen Daten-Wirklichkeiten in die Wirklichkeit ein. Ein Streit um Wirklichkeiten ist dabei obsolet, da längst anerkannt ist, dass Wirklichkeit ein Konglomerat unterschiedlicher Datenräume, Perspektiven und Erfahrungen ist, die sich vor allem durch Kontingenz sowie durch Nicht-Verstehen auszeichnen.

In dieser Epistemologie von Nicht-Verstehen und Wirklichkeitsüberschlagungen und –überlagerungen übernehmen die Interventionen der Yes Men nun eine wichtige Position. Denn sie ziehen die Epistemologie der Simulation auch auf Körperlichkeit. Dabei entsteht ein doppeltes „Performing the Digital“ als Wirklichkeit, in dem Daten performen und performt werden. Ausschlagend ist dafür, dass Yes Men die Methodologie des Fakens der Simulation da annähern, wo Intervention über Fakes zum Experimentallabor wird. Der Fake entspricht nämlich bei Yes Men einer Modellierung zum Zwecke der Erforschung von Intervention und marktliberalen Verhältnissen. Als diese Simulation von potenziellen Wirklichkeiten werden Fakes zum integralen und unhintergehbaren Bestandteil der Wirklichkeit digitaler Kulturen. Simulation definiert sich also nicht nur darüber, dass mathematisch eine Modellierung erzeugt oder ein anderes Medium nachgebaut werden, wie es Jens Schröter (Jens Schröter, Medienästhetik, Simulation und „neue Medien“ 2013) zur Bedingung von Simulation gemacht hat. Simulation meint vielmehr auch den Vorgang sowie die Epistemologie der Modellierung, wie dies in Agentensystemen entsteht, die ähnlich wie Interventionen Verhaltenweisen erforschen, so Claus Pias (Claus Pias, On the Epistemology of Computer Simulation, 2014). Yes Men verhelfen der Simulation also zum Absprung aus der wissenschaftlichen Nutzung in den sozialen Alltag. Es kommt zu einer Verkörperung der Logik von Simulation, sodass ihr performend Wirkmächtigkeit zukommt.

Die simulative Performativität dringt dabei bis hinein in die Entwicklung von Identität. Wird nämlich das gefakte Einnehmen von ritualisierten Verhaltensweisen zur Simulation möglicher Entwicklungen und Zustände des marktliberalen Systems, wird bei den Yes Men ein klar umrissenes „Ich“ aufgegeben. Sie agieren vielmehr ohne Netz und doppelten Boden, denn hinter der Maske ist kein verstecktes Gesicht, vielmehr ist letztere das Gesicht. Symptomatisch dafür sind die Aussagen von Yes Men zu ihren Rollen und Alter Ego. Sie diversifizieren sich in bisher kaum gekannter Weise in diesen, so Marc Fischer:

„Viel ist passiert, seit Andy und Mike vor zehn Jahren die Yes Men gründeten. Andy sagt, es sei vor allem eine Geschichte von Zufällen. Ich finde, es ist eine Geschichte von Neuerfindung und Suche, vom lockeren Umgang mit Identitäten und von Pop, der eher spielerisch Politik wird. Eine sehr amerikanische Geschichte eigentlich. Es beginnt schon damit, dass keiner der Namen, weder Bonanno noch Bichlbaum, echt ist, obwohl mittlerweile alle sie so nennen, selbst Freunde. Beides sind Pseudonyme. Bonanno heißt eigentlich Igor Vamos, kommt aus der Videokunst-Szene und lehrt Medienkunst; Bichlbaums wahrer Name ist Jacques Servin. Aber auch der ist ein Konstrukt, den sich Bichlbaums Vater ausgedacht hat, ein belgischer Jude, der über Kanada in die USA eingewandert war. Seinen alten Nachnamen, Swicziwsky, mochte er nicht so.“

Marc Fischer, Von der Kunst, anderen auf den Sack zu gehen. Unterwegs mit den Yes Men – den amerikanischen Popstars des Protests, 2011, auf fluter.de

Im Modus dieses Handelns, das sich als Mitgehen mit den Performances der Technologie sowie mit den Aktionen zufällig ins Spiel kommender Aktanten beschreiben lässt, entsteht mithin ein Verständnis von Simulation als Performance.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.