Gedanken-Experiment: Interventionen fürs digitale Arkanum (Claus Pias)

— Martina Leeker, August 2015

Die anstehenden Analysen werden als Gedankenexperiment durchgeführt. In diesem werden die Interventionen der Yes Men als Fallbeispiel herangezogen, um erste Skizzen von Claus Pias zu testen, mit Begriffen und Konzepten aus einer vormodernen Geheimnis-Kultur (Vgl. Claus Pias, Vortrag: Connectives, Collectives and the ‘Nonsense’ of Participation, Zürich Mai 2014) zu einer Theorie digitaler Kulturen zu gelangen. Dazu ist es, ausgehend von Claus Pias, erstens nötig, tradierte Begriffe, mit denen digitale Kulturen aus der Perspektivierung auf die politische Öffentlichkeit herstellenden Interventionen der Yes Men beschrieben werden könnten wie Partizipation, Kollektivität und Subjektivität, aus ihrer Genese (Pias 2014, timeline: bis ca. 20.00) kritisch im Hinblick auf ihre Tauglichkeit zu befragen. Diese Begriffe hängen nämlich aufs Engste, so Pias, mit modernen Vorstellungen (Pias 2014, timeline: bis ca. 20.00) von intentionalen Subjekten, handlungsfähigen Kollektiven und einem dissensuellen Konzept des Politischen zusammen. Diese könnten digitale Kulturen gegebenenfalls nicht mehr angemessen beschreiben, da z. B. Big-Data-Anwendungen für den Menschen nicht mehr nachvollziehbar sind und zudem jenseits von Subjekten operieren. Zweitens sind vormoderne Konzepte (Vgl. zu einer Fortschreibung von Denkfiguren und Praktiken des Geheimnisses in der Moderne: Vinzenz Hediger, Technik, Trieb, Markt, Leben. Vom Nachleben des Arkanums in der Moderne, 2014), mit denen politische Öffentlichkeit, Partizipation sowie Subjekte und Gemeinschaft hergestellt wurden, an aktuelle Konstellationen anzupassen. Pias führt Praktiken vormoderner Geheim-Kulturen (Pias 2014, timeline: ab ca. 20.00) wie etwa konsensuelle Rituale an, die sich vom modernen Modus einer auf Wissen und Subjektivität beruhenden Entscheidungskultur gründlich unterscheiden würden. Eine weitergehende Untersuchung hätte Rituale der Vormoderne und solche digitaler Kulturen zu vergleichen. An dieser Stelle soll die Analyse sich allerdings zunächst mit der Annahme begnügen, dass von einer systematischen Ähnlichkeit des Rituellen ausgegangen werden kann, wie etwa die Wiederholung des Vollzuges von Handlungen.

Zur genaueren Bestimmung des Geheimnisses in digitalen Kulturen unterscheidet Claus Pias (mit Timon Beyes: „Debatte: Transparenz und Geheimnis“, in: Vorstellungskraft, Zeitschrift für Kulturwissenschaft, 2/2014) das Mysterium als nicht-wissbares und nicht-sagbares Geheimnis, wie es der Kosmologie oder dem vormodernen Souverän zukäme, deren Gründe auf Immer im Verborgenen liegen, von Secreta, die transparent gemacht werden können. Das Mysterium als konstitutives Nicht-Verstehen sei es nun, so Claus Pias, dass das digitale Arkanum konstituiere. Wenn es also darum geht zu verstehen, welche Bedeutung Interventionen im Stil von Yes Men für dieses Arkanum haben, dann müsste bei ihnen ein Mysterium auszumachen sein. Yes Men scheinen auf den ersten Blick allerdings zur Kategorie der Secreta zu zählen, da sie mit dem Fake ein Geheimnis schaffen, das auf die Aufdeckung und sein Verraten-Werden hin angelegt ist. Die Ausgangsthese ist hier nun aber, dass die Interventionen ein digitales Mysterium bilden, da man ob ihrer Performativität nicht weiß, was geschehen ist oder geschehen wird. In diesem Mysterium ist der Fake konstitutives Momentum und Motor, da er eine komplexe Struktur der Interventionen ermöglicht, in der ein Fake immer einen anderen aufruft und letztlich nicht herauskommen kann, wo der Fake beginnt und wo er endet. Wo digitale Kulturen nach Claus Pias (mit Timon Beyes: „Debatte: Transparenz und Geheimnis“, in: Vorstellungskraft, Zeitschrift für Kulturwissenschaft, 2/2014) im Mysterium der nicht-verstehbaren Datenverarbeitung zu sich kommen, entsprechen die Interventionen der Yes Men deren Performance. Diese greift nicht kritisch in digitale Bedingungen ein, sondern ist vielmehr an deren Konstitution beteiligt.

Yes Men erweisen sich nun aus drei Gründen als probates Beispiel für dieses Gedankenexperiment der Untersuchung digitaler Kulturen als Arkanum. Sie operieren erstens über das Faken in einem Universum von Geheimhaltung und Aufdeckung. Das Geheimnis wird dabei zu einem notwendigen Bestandteil einer eigenlogischen Operationskette. Es wird auf diese Weise technisch und als solches unabdingbar. Zweitens können die Interventionen von Yes Men als paradigmatisch dafür gelten, wie politische Öffentlichkeit und Partizipation im digitalen Arkanum hergestellt werden. Die Sphäre des Politischen, Gemeinschaft und Partizipation, wandelt sich dabei zu rekursiven Performances sowie zu einem Regime der Beschämung (Jennifer Jacquet, Scham. Die politische Kraft eines unterschätzten Gefühls), die an die Stelle von Transformationen und Veränderungen durch politisches Handeln treten. An den Interventionen wird schließlich drittens deutlich, dass und wie digitales Nicht-Verstehen in Interventionen produktiv gemacht wird, indem es durch die medial vernetzten Aktionen retrospektiv in eine kohärente Erzählung überführt wird.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.