Resümee

— Martina Leeker, August 2015

Die Interventionen der Yes Men haben gezeigt, dass politische Öffentlichkeit in digitalen Kulturen in der Tat als eine Geheimnis-Kultur aufzufassen ist. In dieser agieren statt subjektiven Entscheidungsträgern performative Agenturen und Konnektoren, die ein eigenlogisches und selbstbezügliches Ensemble von Wirklichkeiten erzeugen, in denen alles verwertbar ist und Paranoia zu immer neuen Konstellationen von Geheimhaltung und Aufdeckung anregt. Diese Prozeduren ermöglichen es vor allem, in die Unüberschaubarkeit und Selbstbezüglichkeit digitaler Datenwelten Pfade zu ziehen, mit denen sporadisch Sinnbewegungen sowie Kohärenz erzeugt werden. Die Kulturtechnik, die effizient in diese Narrationen einsteigt, sind politische Interventionen mit künstlerischen Mitteln. Der politische Output dieser Interventionen im Sinne des Einschreitens in Machtbeziehungen wird über Zurschaustellungen und Beschämungen organisiert. Interventionen sind mithin von sehr großer Bedeutung. Sie sind es allerdings nicht im Sinne von Aufklärung, Re-Organisation oder Widerstand, sondern vielmehr als Mit-Organisator eines digitalen Arkanums.

Die Untersuchung der Aktionen von Yes Men im Hinblick auf dieses Arkanum zeigte, dass die Intervention selbst zum Mysterium wird, da man nicht weiß, wie sie sich entwickeln und sie also nicht-wissbar und nicht-verratbar sind. Anhand der Interventionen lässt sich die spezifische Konstitution des Mysteriums in digitalen Kulturen ablesen. Es lassen sich nicht mehr Personen auszumachen, die Träger des Geheimnisses sind. Vielmehr ist ein Ensemble nicht mehr überschaubarer Player daran beteiligt, das Mysterium über Vernetzungen herzustellen. Zugleich bleibt der Status der Interventionen ambivalent, was sich im Fake manifestiert. Er ist zum einen Methode, das Mysterium herzustellen und aufrechtzuerhalten, da er selbst nicht mehr verratbar ist, sobald er einmal in die vernetzten Kanäle eingespeist ist. Ist der Fake und damit der Verdacht einmal etabliert, zieht er eine operative Kette des potentiellen Fake-Seins in den Netzen nach sich. Zum anderen aber hält der Fake eine reflexive Wissenskultur aufrechterhält, da er vermeintlich Verborgenes entlarven will, um Wissen und Verstehen herzustellen. Dies geschieht in den retrospektiven Auswertungen und Bündelungen der Events, die gleichsam das Mysterium der vernetzten Daten und Adressen in eine Erzählung bündeln, die Wissen schafft. Damit wären die Interventionen der Yes Men, die das Web, die Kinos, wissenschaftliche Bücher sowie die Hirne rund um die Welt bevölkern und zusammenschließen, ein Scharnier zwischen vormodernen und modernen Geheimnisformen, zwischen Mysterium und Secreta. Der Effekt dieser Kopplung ist, dass die Secreta da ins Mysterium überführt werden, wo sie sich im Netz der Vernetzungen verfangen. Digitale Kulturen heißt das, lassen Transparenz da nicht zu, wo Datenverarbeitungen auch mit Hilfe von deren performativer und narrativer Besetzung undurchschaubar werden und dies zugleich verborgen wird. Die lustigen Interventionen mögen Aufmerksamkeit für marktliberale Untaten erzeugen. Sie befördern aber zugleich gerade mit der exzessiven Nutzung von Datenverarbeitungen das Mysterium digitaler Kulturen und sind so deren unverzichtbaren integraler Bestandteil, wenn sie das Mysterium bunt und handhabbar machen. Folgt man forschend den unübersehbaren Spuren, dann hinterlässt man ebensolche fürs Profiling und verschwindet dabei im Mysterium der Daten und ihrer Wege und Auswertungen (Vgl.: Antoinette Rouvroy, Des données sans personne: le fétichisme de la donnée à caractère personnel à l’épreuve de l’idéologie des Big Data, 2014).

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.