Rituale und Rekursion statt Partizipation

— Martina Leeker, August 2015

Wie steht es unter den Bedingungen simulativer Performativität um die für digitale Kulturen so oft und vehement beschworene Partizipation als Option und Umsetzung politischer Öffentlichkeit (Daniel Roleff, Digitale Politik und Partizipation, Möglichkeiten und Grenzen 2012)? Sie soll sich z. B. über soziale Netzwerke, offene Verwaltungsstrukturen (PDF, open gouvernment) oder eben künstlerische, politisch motivierte Interventionen ob der technologischen Möglichkeiten digitaler Kulturen in besonderer Weise und im Vergleich zu vorhergehenden Settings weitreichender herstellen. Es steht in Frage, welche Subjekte in welcher Weise in den technologischen Unwelten handeln.

Die Aktionen der Yes Men zeigen, dass in vernetzten Infrastrukturen erstens Rekursion sowie Ritualisierung als Partizipation zu verstehen sind. Damit werden tradierte Vorstellungen von Partizipation abgelöst und solche von einer demokratisierenden Wirkung der Netwerke nicht eingelöst. Ritualisierung und Rekursion sprechen nämlich nicht für eine intentionale und autonome Subjektivität, die als Instanz politischer Öffentlichkeit im modernen Sinne vorausgesetzt wird, so Claus Pias (Vgl. Claus Pias, Vortrag: Connectives, Collectives and the ‘Nonsense’ of Participation, Zürich Mai 2014). Es greifen also nicht Subjekte als Akteure in politisch motivierte Aktionen ein, sondern eine eigene Logik der technisch gestützten Interventionen bestimmt die Lage in einem sich selbst organisierenden System. Im Hinblick auf Formen der Partizipation, die im Arkanum digitaler Kulturen aufkommen könnte, bestätigt sich bei den Interventionen der Yes Men die Vermutung von Claus Pias (Claus Pias, Vortrag: Connectives, Collectives and the ‘Nonsense’ of Participation, Zürich Mai 2014) somit, dass Rituale und ritualisierte Verhaltensweisen eine Rolle spielen könnten. Die Interventionen gelingen nämlich, so auch Martin Doll (Martin Doll, Spaßguerilla Über die humoristische Dimension des politischen Aktivismus 2012), wenn sie zunächst in den „ritualisierten Rede- und Präsentationstechniken“ (Ebda S. 86) des Imitierten stattfinden, wenn auch diese verzerrend. Doll schreibt weiter:

„Bei dem Fake geht es um ein zur Schau gestelltes, explizites Spiel nach den Diskursregeln, mit dem zugleich implizit und zunächst unerkannt gegen die Diskursregeln verstoßen wird.“

Martin Doll, Spaßguerilla Über die humoristische Dimension des politischen Aktivismus 2012, S. 82 auf academia.edu

Derart werden zweitens Vorstellungen von Entscheidungssubjekten (Claus Pias, Vortrag: Connectives, Collectives and the ‘Nonsense’ of Participation, Zürich Mai 2014) fragwürdig und von Konzepten zur Organisation des Sozialen und Politischen als einer Operationskette von Ritualen abgelöst. Der Fake wird mithin zum Generator eines Subjektbegriffes aus der Ritualität, d. h. der Wiederholung von Handlungssettings, der jegliche Vorstellung von einer Intentionalität abhanden gekommen ist.

In dieser Logik kann dann auch das Faken nicht mehr intervenieren, da es Teil eines selbstbezüglichen Systems ist. Es kann immer nur dieses aufrechterhalten. Derart bestätigt das Faken den rituellen Rahmen, den es im Imitieren und Ausstellen zugleich erst erzeugt. In digitalen Kulturen heißt das, konstituiert sich Partizipation aus einer technologisch bedingten, rekursiven Ritualität.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.