Yes Men und Stratfor. Regierung durch Paranoia

— Martina Leeker, August 2015

Die Interventionen von Yes Men tragen mit ihren Fakes und Dokumentationen schließlich zu einer Gouvernementalität doppelt artikulierter Paranoia in digitalen Kulturen bei. Sie dürfte das regelnde Herz der Geheimnis-Kulturen des Digitalen bilden. Denn sie vermittelt eine Verhaltensweise und Methodologie mit den unsagbaren technologischen Geheimnissen umzugehen. Es entsteht eine Atmosphäre der Angst davor, dass im Geheimen etwas vor sich gehen könnte, das es aufzudecken gält. Dieser Angst wird mit Paranoia als Methode der Bewältigung begegnet. Denn die paranoide Haltung entspricht auf der einen Seite dem Versuch, das Nicht-Verstehbare, Verdächtiges und Geheimnisvolles mit immer neuen Erklärungen (PDF, Eva Horn, World Trade Center Paranoia. Politische Ängste nach 9/11, 2012) zu domestizieren. Auf der anderen Seite schient es politisch sinnvoll Paranoia bestehen zu lassen, da sie eine wirksame Regierungs- und Selbsttechnologie (Tom Holert, Angst essen Seelen auf, 2001) ist. Mit ihr werden nämlich soziale Ein- und Ausgrenzungen ebenso möglich wie regierbare Angst-Subjekte und sich aus die Angst vor Überwachung oder Entdeckung bezogen auf die Abgabe von Daten selbstkontrollierende Nutzer_innen. Würde man mit Gilles Deleuze (PDF, Gilles Deleuze, Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, 1990) historische Phasen veranschlagen, so würde auf die Disziplinar- und die Kontrollgesellschaft nunmehr eine Paranoia- Gesellschaft folgen.

Yes Men zeigen, wie im Modus der Paranoia mit dem übermächtigen technologischen Geheimen in Gestalt der Überwachung in digitalen Kulturen umzugehen ist, die ein probates Fallbeispiel bildet. Der Kontakt von Yes Men mit dem Mysterium der Überwachung datiert auf das Jahr 2012, als herauskam, dass sie im Namen von Dow Chemical von Stratfor, einem US-amerikanischen, privatwirtschaftlichen Informationsdienst, überwacht wurden. Nach Berichten aus dem Internet und vor allem von Andy Bichlbaum soll im Rahmen der Überwachung eine Person den Mailverkehr von Stratfor gehackt und die „Beute“ an Julien Assange/Wikileaks geliefert haben. Assange wiederum lud Yes Men ein, die Dokumente einzusehen. Sie reisten nach England, wo sich Assange im Hausarrest aufhielt. Das Filmmaterial von diesem Treffen ist Teil des neue Films von Yes Men Jetzt wird’s persönlich, der Ende August 2015 in Deutschland in die Kino kam, The Yes Men Are Revolting im Originaltitel. Teile davon wurden übrigens bei der „Terms of Media“ gezeigt und der Livestream von der Keynote Bonannos zwecks Geheimhaltung des Materials unterbrochen.

Inhalt der „Recherche“ von Stratfor waren die Aktivitäten um Bhopal, wie im „Freitag“ zu lesen ist:

„Stratfor hat aktiv Aktivisten-Gruppen nachgespürt, die sich gegen den Chemiekonzern Union Carbide engagieren. Unter ihnen Bhopal Medical Appeal, eine kleine, im englischen Brighton ansässigen Non-profit-Organisation, die 2009 zusammen mit den Yes Men vor dem Dow Chemical Büro im britischen Staines eine Protestaktion durchführte. Die nun veröffentlichten E-Mails deuten darauf hin, dass Dow an diesem Tag seine Büros schloss, um der Konfrontation mit den Protestierenden aus dem Weg zu gehen, nachdem das Unternehmen von Stratfor einen Bericht erhalten hatte.“

freitag.de

Was schließlich bei der Bespitzelung herauskam, scheint dürftig wie der Freitag berichtet:

„Das Unternehmen hat anscheinend sogar Geld mit dem Verkauf einer Liste verdient, auf der nichts weiter stand als Bonnanos öffentliche Auftritte.“

freitag.de

Jacques Servin hebt nun hervor, dass Dow Chemical durch Überwachung vorhersehen wollte, was Yes Men als nächstes planen und machen würden oder könnten. Überwachung wird gleich einer Simulation zur Leitlinie für künftiges Handeln. Assange vergleicht sogar Überwachung mit Klimaerwärmung. Beide seien so in die Umwelt eingelassen, dass sie unmerklich und jenseits des umfänglichen Verstehens geschehen und das Leben in seiner Totalität bestimmen würden. Es entsteht eine paranoide Techno-Natur. Dieses an Fatalismus grenzende In-der-Welt-Sein zeigt sich auch am Anliegen der Überwachung durch Dow Chemical. Sie waren nicht an konkreten Aktionen interessiert, sondern vielmehr an möglicherweise geplanten Angriffen auf das große Ganze, nämlich auf die neoliberale Wirtschaft, wie Bichlbaum ausführt:

“ANDY BICHLBAUM: What surprised us in those emails, though, was that what—we would have assumed that Dow would be really concerned with the exact issue of Bhopal and Dow’s responsibility, stuff that could directly impact their bottom line. But what they—what Stratfor seems to be really a bit obsessed with is whether we or other organizations are going to draw this into a bigger critique of corporate power. There’s at least four long email exchanges about this, in which different Stratfor people, vice presidents and others, debate why we haven’t actually brought it into a much bigger issue […]

ANDY BICHLBAUM: Well, yeah, they seem to be really concerned that we, Amnesty, Greenpeace, etc., would be broadening this into a systematic critique and attacking the basis of corporate power. And it’s interesting that that’s what they were concerned with, rather than anything to do with the exact bottom line of Dow itself. And that might be a clue that they were really concerned about systemic critique and, you know, making statements that could affect policy. Maybe that’s also why they’ve been so afraid of Occupy Wall Street.”

democracynow.org

Es geht also nicht um Details und Konkretes, sondern immer ums Ganze. Diese Konstitution macht Paranoia unhintergehbar, da sie nie aufhören kann ob dieser existentiellen Bedrohung. Ein Realitätscheck aber ist ausgehoben. Überwachung und Paranoia verbinden sich kongenial zu einer probaten Selbstregierungstechnik, der nicht zu entkommen ist. Es scheint geradezu so, als ob Überwachung vor allem zum Schüren der Paranoia geeignet, wenn nicht sogar erfunden worden ist.

Anhand der Geschichten zur Überwachung von Yes Men zeigt sich, dass es in der Geheimkultur nicht um eine Forderung nach mehr Transparenz geht, sondern um die Erprobung eines Umgangs mit dem Geheimen. Das Geheimnis und sein Pendant die Aufklärung werden Teil einer Geschichte, die auf allen Kanälen wieder und wieder mit leichten Abweichungen erzählt wird, sei es im Fernsehen, in Filmen, in Interviews oder in Texten. Es öffnet sich einmal mehr ein weites und vernetztes Feld im Web, auf das man bei der Recherche in Verlinkungen und Rekursion stößt. Da ist zum einen das Für und Wider in der Bewertung von Stratfor. Spionieren und überwachen sie, oder sind sie Garant einer transparenten und unabhängigen Nachrichtenüberwachung. Um diese Frage zu klären, müssten bereits eigene, mit dem Geheimen operierende Recherchen angestellt werden. Es bleibt der Eindruck, dass keine Frage so recht und endgültig gelöst werden kann. Zudem ruft jeder Schritt eine neue Frage auf.

Derart entsteht erst das Mysterium der Überwachung und der geheimen Planungen für Angriffe und Interventionen und zugleich wird es unnahbar, je mehr es offen gelegt wird. Das heißt auch, dass das Arkanum digitaler Kulturen nicht nur technologisch, sondern auch praxeologisch bedingt ist. Es entsteht eine Regierungsform, mit der sich Interessensgruppe gegenseitig in Schach halten und dabei andauernd die Rollen zur Ausübung von Kontrolle, Überwachung und Beschämung wechseln. Ein Staat scheint in diesem selbstorganisierten System nicht mehr nötig. Diese Konstitution gibt Hinweise darauf, wie Partizipation und politische Öffentlichkeit organisiert sind. Diejenigen, die bisher für Interventionen standen, sind Teil des paranoiden Geheimsystems und werden dieses schwerlich kritisieren und verändern können, da sie durch es ja erst existieren.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.