Das System des Zugzwanges am Beispiel von Dow-Bhopal

— Martina Leeker, August 2015

Die Wirkungen der Interventionen bestehen nun weniger in einer grundlegenden Veränderung liberaler Marktwirtschaft oder in der Auflösung von Konzernen. Sie bedingen vielmehr, dass ein Thema oder die Machenschaften einer Organisation mehr Aufmerksamkeit erhalten und in die Öffentlichkeit gedrängt werden. Ein probates Beispiel dafür ist das Dow-Bhopal-Projekt, das 2004 durchgeführt wurde. An ihm zeigt sich paradigmatisch das von Doll so bezeichnete Prinzip des Zugzwangs (PDF, Doll, Fake als Intervention 2012, S. 219, 227–230), das er als zweite Methode der Interventionen von Yes Men anführt. Dieser Zugzwang entsteht u. a. durch ein Geflecht von über Medien verteilten Verlautbarungen.

Die Intervention zu Bhopal begann 2002 mit einer von Yes Men bis ins kleinste Detail gefakten Website von Dow Chemical. Dow Chemical hatte 2001 Union Carbide (UC) übernommen, in deren Chemiefabrik in Bhopal zur Herstellung von Pestiziden es 1984 einen schweren Unfall gab, da u. a. auf Grund mangelnder Wartung Methylisocyanat aus einem Tank in die Atmosphäre entwich. Bei dem Unfall starben nach Schätzung 3.800 bis 25.000 Menschen und es kam zu einer bis heute andauernden Vergiftung der Umwelt, vor allem des Grundwassers. Die Opfer wurden von Union Carbide minimalst entschädigt und Dow Chemical lehnt seit der Übernahme jegliche Verantwortung für den Unfall und dessen Spätfolgen ab. Vor diesem Hintergrund geben Yes Men als Grund für die Erstellung der gefakten Site von Dow Chemical an:

„Dow claims the company inherited no liabilities for the Bhopal disaster, but the victims aren’t buying it, and have continued to fight Dow just as hard as they fought Union Carbide. That’s a heavy cross to bear for a multinational company; perhaps it’s no wonder Dow can’t quite face the truth. The Yes Men decided, in November 2002, to help them do so by explaining exactly why Dow can’t do anything for the Bhopalis: they aren’t shareholders. Dow responded in a masterfully clumsy way, resulting in a flurry of press.”

theyesmen.org

Die BBC, die eine Sendung zum 20. Jahrestag des Unglücks in der Chemie-Fabrik in der indischen Stadt plante, lud nun 2004 über eine auf der weiterhin existierenden gefakten Website hinterlegte Mailadresse einen vermeintlichen Repräsentanten von Dow Chemical zu einem Interview ein. Jacques Servin aka Andy Bichlbaum schlüpfte in die Rolle des fiktiven Repräsentanten der Dow, Jude Finisterra, und verkündete live im Fernsehen:

“I am very, very happy to announce that for the first time, Dow is accepting full responsibility for the Bhopal catastrophe. We have a $12 billion plan to finally, at long last, fully compensate the victims, including the 120,000 who may need medical care for their entire lives, and to fully and swiftly remediate the Bhopal plant site.”

theyesmen.org

Es wird nicht nur die Entschädigung, sondern auch die Auflösung von Union Carbide angekündigt:

“We’ve begun the process of liquidating Union Carbide. This is, as you mention, late. But it’s the only thing we can do. When we acquired Union Carbide we did settle their liabilities in the United States immediately, and we are now, three years later, prepared to do the same in India. We should have done it three years ago; we are doing it now. I would say that it’s better late than never, and I would also like to say that this is no small matter, Steve: this is the first time in history that a publicly held company of anything near the size of Dow has performed an action which is significantly against its bottom line simply because it’s the right thing to do.”

theyesmen.org

Diese Sendung konnte weltweit zwei Stunden ungehindert ausgestrahlt werden, bevor die Täuschung von Dow aufgedeckt wurde. Bevor allerdings der Konzern selbst ein öffentliches Statement abgeben konnte, erschien ein von Yes Men gefaktes, in höchstem Maße zynisches und in der Über-Affirmation die menschenverachtenden, marktwirtschaftlichen Haltungen von Dow bloßstellendes Dementi, in dem Dow vermeintlich klarstellte:

“As Dow has repeatedly noted, Dow cannot and will not take responsibility for the accident. […] Dow will NOT commit ANY funds to compensate and treat 120,000 Bhopal residents who require lifelong care. The Bhopal victims have ALREADY been compensated; many received about US$500 several years ago, which in India can cover a full year of medical care. […] Dow will NOT remediate (clean up) the Bhopal plant site. We do understand that UCC (Union Carbide Corporation, Anmerkung M.L) abandoned thousands of tons of toxic chemicals on the site, and that these still contaminate the groundwater which area residents drink. Dow estimates that the Indian government’s recent proposal to commission a study to consider the possibility of proper remediation at some point in the future is fully sufficient.”

kommunikationsguerilla.twoday.net sowie dowethics.com

Die BBC wiederum entschuldigte sich für ihre unwissentlich gemachte Falschmeldung:

“The individual was contacted by the BBC, and during a serie of phone calls, claimed, that there would be a significant announcement to be made on behalf of the Dow Chemical company. He gave no further detail until the live interview, broadcast from the BBC’s Paris bureau this morning. […] This interview was inaccurate, part of an elaborate deception. It is now clear that the person did not, in fact, represent the Dow company and we want to make clear that the information he gave was entirely inaccurate.”

bbc.co.uk

Innerhalb der zwei Stunden, in denen der Fake zunächst um die Welt ging, fielen die Kurse der Dow-Aktie in den Keller. In ihrem Film „The Yes Men fix the world“ stellen Yes Men die Vermutung an, ein Grund dafür sei, dass die Vertreter des Finanzmarktes nicht mit einer Firma kooperieren wollten, die derart viele Menschenleben zu verantworten habe. Yes Men zeigten sich verwundert darüber, dass eine „gute“ Tat auf dem Finanzmarkt negative Auswirkungen haben konnte, statt von ihm belohnt zu werden.

Dieses System miteinander verquickter Aktionen und Reaktionen entspricht dem von Doll vorgeschlagenen Prinzip des Zugzwangs, zu dem er ausführt:

„Die Wirkung verpuffte somit nicht durch die Aufdeckung, weil die appropriierten Institutionen in Zugzwang gerieten, die Falschmeldung zu korrigieren und das dem eigenen Image abträgliche und daher unausgesprochen gebliebene Eingeständnis zu veröffentlichen, über die bereits gezahlten Kleinbeträge hinaus keine weiteren finanziellen Mittel bereitzustellen. […] Die Massenmedien sind vor diesem Hintergrund nicht als erratische Blöcke, von denen Macht ausgeht, sondern selbst als gewissen Einschränkungen unterworfene Institutionen zu verstehen […]. In diesem Sinne gelingt es den genannten Fakern durch ihre Aktionen, in einem hohen Maße Macht auf die Massenmedien einzuüben: Jene müssen zunächst bei den noch ‚originalen’ Fälschungen, den buchstäblich unglaublichen Ankündungen, bezeichnenderweise aber vor allem nach der Aufdeckung ihrer eigenen Logik der Nachrichtengenerierung folgen, über das skandalöse bzw. das kuriose Geschehen berichten und sich so on einem gewissen Maße im Rahmen der Strategien der Faker bewegen.“

mdoll.eu (PDF, S. 229–230)

Das System des Zugzwangs ist also nicht linear oder kausal strukturiert. Interventionen sind vielmehr in ein komplexes System aus unterschiedlichen „Akteuren“ eingelassen, die jeder für sich einem Zugzwang unterliegen und sich dabei als komplexes Ganzes wechselseitig konstituieren.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.