Die Vorstellung von Igor Vamos. Top the fake

— Martina Leeker, August 2015

Für die Vorstellung von Igor Vamos bei der Konferenz „Terms of Media“ sollte in zwei Punkten zu diesen Verführungen der Interventionen Distanz genommen werden. Zum einen sollte deren Verankerung in Diskursen zu neoliberalen Regimen herausgestellt werden, die Interpretationen vorgeben, damit eine Wirklichkeit erst konfigurieren und eine Verengung möglicher Sinnbezüge nach sich ziehen. Zum anderen war es Anliegen, die dramaturgisch bewirkte Einflussnahme auf die Zuschauer_innen auszustellen und auf Beschämungen als Strategie der Interventionen und deren Wirkungen aufmerksam zu machen, vor allem erstere nicht selbst zu nutzen. Dies zu erreichen, wurde Igor Vamos als neoliberaler Geschäftsmann Mike Bonanno ernst genommen und als solcher vorgestellt. In den Mittelpunkt rückte damit das Auditorium, das mit dieser Über-Affirmierung herausgefordert und in eine reflexive Haltung gebracht werden sollte. Auch Martin Doll stellt die Zuschauer_innen in den Fokus:

„Systemtheoretisch formuliert wird man als Zuschauer der Yes-Men-Filme also zum Beobachter zweiter Ordnung, insofern man beobachtet, wie Beobachter beobachten und dies nachträglich kritisch reflektiert. Als ,Zuschauer’ der Yes-Men-Inszenierungen wäre so in Wirklichkeit die Medienöffentlichkeit anzusehen, die retrospektiv Dokumente der Fakes als aufgedeckte komische Verfahren vor Augen geführt bekommt. Durch dieses Reflexionsmoment kommt die eigentliche Entlarvung ins Spiel, dann nämlich, wenn die Komik, die noch während des unaufgedeckten Fake im Spiel war, bei dessen filmischer (Wieder-)Aufführung ins Humoristische kippt. In der Folge erweist sich rückblickend selbst manche komische ,Einlage’ während der Fake-Veranstaltung (die mitunter schon die unwissenden Mitakteure zum Lachen brachte) als Finte. Die Komik scheint zunächst affirmativ (auch weil sie, um noch einmal die positiven Reaktionen zu zitieren, ‚refreshing’ oder ‚nicely’ vorgeführt ist), wird dann aber bei der Aufdeckung hinter sich gelassen, um noch dieses erste Lachen als ebenso zynisch wie menschenverachtend zu unterhöhlen und wiederum der Lächerlichkeit preiszugeben.“

Martin Doll, Spaßguerilla Über die humoristische Dimension des politischen Aktivismus 2012, S. 92, auf academia.edu

Anstatt nun allerdings die Zuschauer_innen in die Rolle einer distanzierten Beobachtung der Beobachtung zu bringen, sollte ihnen im Rahmen der Vorstellung eine Beobachtung der eignen Beobachtung ermöglicht werden. Denn diese, so der Gedanke, wäre ein erster Schritt hin zu einer Analyse der Konstitution und Wirkungsweisen von Interventionen der Yes Men in digitalen Kulturen. Methodisch sollte dies hergestellt werden, indem ein Widerspruch zwischen der gesprochenen Vorstellung und dem sie begleitenden Text in einer Power Point Präsentation hergestellt wurde. Während die Performerin den Fake vollzog, zeigten die Folien quasi dessen Auflösung. Damit konnten die Zuschauenden in einen kognitiven Abgleich einsteigen. Zudem sollte mit der Über-Affirmation des Alias von Vamos zum Erscheinen gebracht werden, dass die Interventionen der Yes Men ist einem nicht hinterfragten Diskurs zu neoliberalen Regimen fußen. Denn indem derjenige, der für die Bloßstellung von Vertreter_innen marktliberaler Organisationen bekannt ist, gleichsam selbst mit der gefakten Vorstellung von einer Bloßstellung bedroht wurde, sollte die Voreinstellung im „Anti-Neoliberalen“ in den Interventionen der Yes Men aufscheinen können, die sicher auch die Zuschauer_innen teilten. Indem Zuschauende sich im Widerspruch beobachteten, sollte eine Denkhaltung des Hinterfragens ermöglicht werden.

Ein Effekt war, dass die Performerin im Laufe der Vorstellung von Igor Vamos feststellen konnte, dass sie selbst von der Performance überrollt wurde. Es machte Spaß, sie durchzuführen. Je weiter die Vorstellung voranschritt, desto mutiger wurde die Performerin, angeheizt von der Kraft des körperlichen Vollzugs. Dies kann als Hinweis darauf genommen werden, dass sich im Performen eine eigene Logik und Dynamik entwickeln, die nicht allein aus politischem oder aufklärerischem Kalkül gespeist sind, sondern vor allem einer Lust am Spiel, am Unvorhersehbaren sowie an der wie auch immer gearteten Anerkennung durch die Zuhörer_innen und Zuschauer_innen. Für Interventionen, und auch für Interventionen in diese, wäre also immer auch mit der Selbstbezüglichkeit und Selbstgenügsamkeit des Performativen zu rechnen. Dieses löst tradiertes politisches Handeln ab und verweist die Akteure in einen Spielraum, in dem sie sich ausagieren und darin selbst genügen. Diese Politik würde sehr gut mit einem Regime des Nicht-Verstehens zusammenspielen, da sie eine Oberflächen-Partizipation ermöglicht, mit der man sich begnügen und in der man sich verausgaben kann.

Die Zuschauer_innen waren zufrieden und Igor Vamos angetan. Der Performerin aber blieb ein ungutes Gefühl, das zumindest zu dieser Analyse der Interventionen von Yes Men als Paradigma der praxeologisch-performativen Seite digitaler Kulturen antrieb.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.