Experiment in Wiederholungsschleife

— Martina Leeker, August 2015

Der Absolutismus der Gegenwart wird durch das experimentelle Arbeiten der Yes Men noch begünstig, das auch Martin Doll (PDF, Martin Doll, Widerstand im Gewand des Hyper-Konformismus. Die Fake-Strategien von ‚The Yes Men’, 2008) beschreibt. Die Interventionen entstehen im Tun und sind ergebnisoffen; sie sind experimentell. Werden sie nun mit Überlegungen aus der aktuellen Forschung zu digitalen Kulturen betrachtet, zeigt sich eine Epistemologie des Experiments, die noch einmal nahelegt, dass Interventionen in digitalen Kulturen im Sinne des Unterbrechens und Einschreitens nicht mehr denkbar sind, weil Handlungen in vernetzten Infrastrukturen umgehend absorbiert werden. Denn im andauernden Jetzt werden die Interventionen zu Testumgebungen, die das je Entstehende integrieren.

Antoinette Rouvroy hat verdeutlich, dass es in der algorithmischen Gouvernementalität (Antoinette Rouvroy, Gouvernementalité algorithmique et perspectives d’émancipation: le disparate comme condition d’individuation par la relation? 2013) digitaler Kulturen keine Fehler (Antoinette Rouvroy, PRISM: “Se laisser diriger par les données, c’est le déclin total de la politique” 2013) mehr geben könne. Vielmehr sei jede Abweichung immer schon ein Anlass für eine Neuberechnung oder Korrektur, wie das Profling von Nutzer_innen (Antoinette Rouvroy, PRISM: “Se laisser diriger par les données, c’est le déclin total de la politique” 2013) zeige.

Orit Halpern spricht von einer neuen Epistemologie in Infrastrukturen, in denen es keine Experimente zum Finden von Wahrheiten oder Bestätigen von Thesen mehr gäbe, sondern nur noch Testumgebungen eines endlosen Engineering:

“A ‘test bed’ is not an experiment as conventionally conceived in ideals of science. The term does not denote the unearthing of a truth about the world. The phrase test bed emerges in the engineering literature to describe a controlled and often isolated development environment in which to test the operability of new technologies, processes, or theories for large systems. Test beds can include practices such as beta-testing software, testing control systems in manufacturing, stress testing in financial regulation, and so forth. […] In essence, it (The Smart City Songo, Bemerkung M.L.) is an experiment that cannot end, because every limit becomes a new engineering challenge, a new frontier to develop toward an ever-extendable horizon.”

Orit Halpern, Test Bed Urbanism, Public Culture, Primary author with Jesse LeCavalier, Nerea Calvillo, and Wolfgang Pietsch, 2013, S. 290–291, auf orithalpern.net (PDF)

Indem Yes Men nun ihre Interventionen in der Präsenz des Tuns erzeugen, können auch sie keine Fehler aufweisen. Vielmehr wird in der Logik der eigenen Methode je weiter vorangeschritten und jedes Event integriert. Aus dem Experiment wird durch die Aufgabe, die einzelnen Ereignisse zu einem kohärenten Ganzen zu fügen, eine Herausforderung zur Integration. Interventionen werden derart auf Dauer gestellt und damit zu einer im-/potenten Handlung, da sie nicht mehr auf Veränderung angelegt sind, sondern nur noch aufs „Weitermachen“.

Das Konnektiv, das an die Stelle eines Kollektivs entscheidungsfreudiger Subjekte mit Visionen für Zukunft und Veränderung tritt, lässt sich nun vertiefter als experimentelle Zweckgemeinschaft verstehen, die nur solange existiert, wie die Intervention mit all ihren Phasen andauert. Um dabei bleiben zu können, tun die Mitglieder der konnektiven Community, was digitale Kulturen so dringend brauchen: Sie geben Daten von sich und halten so das Web lebendig. Die Spaßguerilla agiert also im Dienste der Sache der Daten-Ökonomie, denn sie hat einen hohen Aufmerksamkeitswert im Web, dieser, und nicht etwa Information, ist in dieser Struktur bekanntlich Mangelware.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.