Wirklichkeiten und die Dramaturgien von Aufmerksamkeits-Ökonomien

— Martina Leeker, August 2015

Mit dem Bhopal-Projekt von Yes Men treffen mithin unterschiedliche, je medial vermittelte Wirklichkeiten und Strategien aufeinander, mit diesen umzugehen. An deren Analyse zeigt sich, dass Methoden der Interventionen dadurch diskursiv produktiv sind, dass sie eine Wirklichkeit favorisieren und damit andere ausblenden.

Abb. 1: B'EAU PAL. Quelle: http://sofii.org/

Abb. 1: B’EAU PAL. Quelle: sofii.org

Es gibt in den Bemühungen um Bhopal eine Seite der Interventionen, die Medien, Fake, Performance und Symbolik perfekt beherrscht. Dies zeigt sich deutlich an einer kleinen Dokumentation über das Designen der Flaschen für B’EAU PAL (Abb. 1). Akribisch werden Zeichen aus der medialen Präsenz von den Erzählungen zu Bhopal zusammengesetzt. Der Französisch imitierende Name des Wassers „B’EAU PAL“ klingt wie Bhopal; die Form der Flasche, eine altmodische Glasbügelflasche, spielt auf exquisite Behältnisse für gesundes Quellwasser aus den Bergen an; es werden die Inhaltsstoffe aufgeführt, die den Analysen vom verseuchten Grundwasser aus Bhopal entsprechen. Das Logo schließlich entwendet das von Dow Chemical, das wiederum in Teilen vom Bhopal Medical Appeal genutzt wird, eine Stiftung, die die Klinik von Sarangi in Bhopal mit finanziert. Teil des Logos ist eine Grafik der „Skyline“ der Ruinen auf dem Gelände der Chemiefabrik in Bhopal. Die Herstellung der Flasche sowie die Aktionen mit dem Wasser sind umfänglich im Internet dokumentiert. Auf der anderen Seite steht ein Aktivismus, der sich einer medialen Präsenz entzogen sieht. Von dieser berichtet Hartosh Singh Bal, 2013 entlassener Autor für politische Berichterstattung im Open Magazin in einer Ausgabe 2009:

“Bhopal itself has two prominent organisations working for the victims. While both have moved the court in several cases to seek relief and justice, on the ground they operate in very different fashions. The Bhopal Gas Peedit Mahila Udyog Sangathan, led by Abdul Jabbar, focuses on helping the victims in their daily quest for medical help. The other, the Bhopal Group for Information and Action, led by Satinath Sarangi, focuses on efforts to inform the outside world of what is unfolding in Bhopal. […] Abdul Jabbar is a man who speaks little or no English, his organisation has very little presence on the Web, yet for the victims, he is the only one who can help out with their daily struggle. Satinath Sarangi is fluent in English, hosts a website that provides detailed information on every aspect of the tragedy and is the link between Bhopal and the outside world. His work in Bhopal is limited to an ayurvedic dispensary.”

openthemagazine.com

Während Satinath Sarangi TED-Vorträge hält, gibt es von Abdul Jabbar ein Interview in Hindi und gebrochenem Englisch online. Dirk Peitz schreibt in der „Welt“:

„Es sind über die Jahre Friktionen entstanden unter den Helfern in Bhopal. Es geht ganz sicher um die Deutungshoheit über die Probleme dort, deren Ursachen und Beseitigung. Es geht, wenn man es nicht besonders gut meint mit denen, die sagen, dass sie es gut meinen, wohl vor allem auch um Aufmerksamkeit und letztlich um Geld. Die Sambhavna Clinic wird finanziert von der britischen Spendenorganisation Bhopal Medical Appeal, für die Colin Toogood von seinem Arbeitszimmer in London aus die Öffentlichkeitsarbeit macht. Damit die Welt Bhopal nicht vergisst. Und natürlich auch weiter spendet. Abdul Jabbar hingegen sagt, er nehme kein ausländisches Geld an. Es gibt unter den Helfern nicht nur Meinungsverschiedenheiten über die richtige Art der Hilfe, sondern auch über die richtige Art der Finanzierung.“

welt.de

Mit Hartosh Singh Bal wäre hinzuzufügen:

“The victims themselves can hardly raise money to support the organisations working in Bhopal, funds flow in from outside and they do not flow equitably. Thanks to patrons such as Greenpeace and Indra Sinha, Satinath is flush with funds, Jabbar has none. The money from the outside world goes mainly towards providing more information on Bhopal to the outside world while the man whose help the victims most need is left bereft.”

openthemagazine.com

Yes Men geht es, wie sie immer wieder betonen, mit ihren Interventionen darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen, um auf Probleme eines neoliberalen Regimes des Marktes zu verweisen und möglichst in dieses zu intervenieren. Damit geraten sie allerdings, sicher ungewollt, in einen Sog medialer Aufmerksamkeits-Ökonomien sowie der Performativität ihrer eigenen Methoden. In diesem Sog kreieren Yes Men erst eine bhopalische Wirklichkeit sowie deren Wiedererkennbarkeit durch eine Kette von Symbolisierungen, wie die symbolische Vernetzung von Internetseiten zu einem kulturellen Gedächtnis in den Aktionen um B’EAU PAL zeigt. In diesem Spiel mit Symbolen und Aufmerksamkeitsökonomien wird das Engagement für Bhopal auch immer Teil der Werbung für die Filme der Yes Men sein. Ein Effekt der mit den Interventionen ausgelösten medialen Aufmerksamkeits-Ökonomie ist zudem, dass: „Je mehr Kameras (anwesend sind, Einfügung M.L.), desto größer (werden, Einfügung M.L.) die Versprechen“ (hier). Das heißt, die intervenierend erzeugte Öffentlichkeit bedingt vermarktbare Statements, aber keine konkreten Hilfeleistungen. Dazu noch einmal Hartosh Singh Bal:

“If you want the truth, don’t pay attention to those who parachute in for a day or two or those who claim to understand Bhopal from London, don’t even take my word for any of this. Go to Bhopal armed with a knowledge of Hindi and see for yourself. Allow yourself a month or two in the city to see how the victims who cannot obtain the medicine they need are helped by a story on the front page of the New York Times or a book on the Booker shortlist. Perhaps, you will also come to know why they remain sceptical of the hordes from outside who will descend to feast on another anniversary.”

openthemagazine.com

Für die Interventionen aber steht vor allem eine sie vorantreibende, eigene Logik zwischen Fake, medialer Präsenz und Aufmerksamkeit im Vordergrund, statt die reellen Situationen, wie 2009 in The Week beschrieben wurde:

“The Yes Men have capitalised on the realisation that stunts, hoaxes, gimmicks and jokes like these are increasingly the tactics that can gain widespread attention for a cause, and are probably now more effective than getting chained to a lamppost or going on hunger-strike. They exploit the fact that performance protest is popular because it’s non-violent, theatrical, photogenic, funny—and perhaps most importantly—memorable. So it divides the good guys very neatly from the bad guys, for both the media and the chattering public.”

theweek.co.uk

Warum die Methoden der Yes Men zu einer lustvollen und lustigen Selbstbezüglichkeit mit der unaufhaltsamen Dynamik einer Eigenlogik führen, ließe sich mit Martin Doll erklären:

„Die genannten Handlungsspielräume sind jedoch nicht explizit vorgegeben; sie werden unter anderem durch die genannten Aktionen überhaupt erst performativ erschlossen. Es sind also […] Praktiken, die sich zwar in bestimmte Diskursgegebenheiten einschalten und sich diese zunutze machen, die aber den Zwischenraum, den quasi-legalen Freiraum, in dem sie sich abspielen, nicht vorfinden, sondern erst in actu (Kursiv im Original, Anmerkung M.L) eröffnen, indem sie ihn tatsächlich beschreiten.“

mdoll.eu (PDF, S. 231)

Politisches Handeln und kritische Reflexion werden zur Performance.

Dabei werden die Menschen, die weiterhin vergiftetes Wasser trinken oder Kinder mit massiven gesundheitlichen Schäden im Arm tragen, zum fotogenen Beiwerk. Es wird also nötig sein, die Mechanismen der Macht sowie digitaler Kulturen zu rekonstruieren, die in den Interventionen entstehen, um auch in diese intervenieren zu können.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.