Wissensordnungen

— Martina Leeker, Oktober 2014

Es ist common sense, dass Wissen von den Technologien abhängt, mit denen es erzeugt wird. Dies gilt von der Schrift, über Archive bis hin zu Computersimulationen. Wissen wird in digitalen Kulturen zudem zu einer unsicheren Angelegenheit, weil es nicht nur aus Technologien entsteht, sondern zudem aus mehrfachen Verschiebungen und Übersetzungen zwischen verschiedenen Apparaten, Algorithmen und menschlichen Operateuren. Dies betrifft das so genannte implizite, d. h. das praktische und verkörperte Wissen, das in kulturellen Einschreibungen und Aufschreibesystemen verschoben wird, ebenso wie wissenschaftliche Forschung. Diese techno-logische Ordnung von Wissen schlägt auf Medienanthropologie durch, da ein Umdenken bezogen auf Konstitution und Bedeutung des Menschen erforderlich wird, wenn er nicht mehr im Zentrum von Wissen steht. Diese Lage kulminiert in einem Epistem der Wissensordnung, das sich als Epistem des Spekulativen und Operativen beschreiben lässt. Mit ihm werden im Zusammenschluss von Technik und Diskurs Wissen und Wirklichkeit erzeugt, die jenseits von Enzyklopädien in unbestimmten, prekären und vergänglichen Assemblagen geordnet werden. Teil dieses Epistems sind medienanthropologische Überlegungen, mit denen der Mensch dauerhaft dezentriert, auf Operationen herunter gebrochen und in ein Handlungsensemble integriert wird.

Die zeitgenössische Wissensordnung ist allerdings zugleich ein Diskurs. Als solcher stellt er einerseits Regeln dafür auf, was Wissen ist und überwacht deren Einhaltung sowie die Richtigkeit der Wissenschaft. Er ist andererseits subjektbildend und gouvernemental wirksam. An dieser Stelle gilt es anzusetzen und eine doppelte epistemologische Volte zu schlagen. Ziel ist es erstens, Wissensordnungen in ihren diskursiven Potenzialen zu erkennen und erkennbar zu machen. Wissensordnungen sind zweitens zugleich eine radikale Kritik des Anthropologischen sowie der Wissensordnung selbst entgegenzustellen. Diese Kritik besagt, dass es “den” Menschen und “das” Wissen noch nie in einem a-historischen und nicht-diskursiven Status gegeben hat, auch nicht in dem heutzutage entworfenen und stark gemachten existentialistisch-technologischen Sinne (PDF). Die Erfindung und Gestaltung von Mensch und Wissen sind vielmehr je als gouvernementale Bedingungen erzeugendes Ringen um einen Platz des Menschen in technischen Umwelten zu deuten.

Im Schwerpunkt Re-thinking methods des DCRL sollen unterschiedliche Formen und Methoden von Interventionen entwickelt und erprobt werden, um dieser diskursanalytischen Arbeit in einer diskursanalytischen Ästhetik nachzukommen. Ausgangsüberlegung ist dabei, dass ästhetische Methoden wie z. B. Verkörperungen, Verschiebungen, Verfremdungen, Affirmationen oder Grotesken in besonderer Weise in fest gefügte Diskurse und Haltungen einschreiten können. Sie können nämlich zum einen Auswirkungen von Diskursen erlebbar machen. Zum anderen eröffnen sie einen Leerraum, in dem eine Vielzahl von noch nicht entdeckten Möglichkeiten sichtbar werden können. Es wird schwerlich möglich sein, der technischen Wissenserzeugung sowie der techno-politischen Ausgrenzung von Wissen zu entgehen. Interventionen in sie können aber an deren diskursiven Besetzungen stattfinden.

An dieser Stelle werden Interventionen in Wissensordnungen dokumentiert und analysiert, die am DCRL durchgeführt werden. Zu den Projekten, die schon umgesetzt wurden, gehört die “Messe der Medien“. Hier wurde mit Methoden der negativen Affirmation (1) auf die neue Wissensordnung der symmetrischen Handlungsagenturen von Menschen, technischen Dingen und weiteren Operateuren sowie (2) dem Diskurs von einer Medialität von Wissen reagiert. Zum einen wurde in dieser Messe Dingen und Automaten ein Raum für eigene Performances zur Verfügung gestellt, um in der Auseinandersetzung mit ihnen die Auswirkungen der Neuverteilung der Relevanzen und Bedeutungen von Mensch, Dingen und Technik zu erleben und zu bewerten. Zum anderen wurde durch performative Vorträge sowieso durch Fake-Vorträge getestet, ob und inwiefern geisteswissenschaftliche Forschung ihrer selbst gemachten Unterminierung standhält und welche Wahrheits- und Richtigkeitsdiskurse sie ihr entgegenstemmt. In der Video-Installation “Medien&Paranoia” sollte zum einen anschaulich werden, dass und warum Paranoia in digitalen Kulturen eine überlebensnotwendige Erkenntnishaltung ist und diese zugleich geschult werden. Zum anderen wurde vermittelt, dass gerade diese paranoide Erkenntnishaltung der politische und gouvernementale Stil (PDF) digitaler Kulturen ist, mit dem Wissen, Kontrolle und Subjekte hergestellt werden. Weil digitale Kulturen unüberschaubar sind, wird Angst erzeugt, um sie mit paranoiden Erklärungsmustern in Schach zu halten. Es entstand ein Wechselbad der Erkenntnisse und Wahrnehmungen, das als Lösung für das entstandene Dilemma vorgeschlagen wurde: eine über Paranoia aufgeklärte Paranoia.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.