Medien&Paranoia

Eine Live-Installation zur Fortbildung in Paranoia

— Martina Leeker, Oktober 2014

Zu “Die Projekte”

Paranoia ist in den technologischen Bedingungen digitaler Kulturen als erkenntnisstiftende Haltung gleichsam überlebenswichtig, das machen Überwachungsskandale oder der Handel mit Daten nur allzu deutlich. Denn Paranoia hilft, durch ständigen Verdacht und Zweifel aufmerksam zu sein und Zusammenhänge erkennen oder ausdenken zu können. Es wäre also nötig, sich in Paranoia als Erkenntnishaltung und – form für digitale Kulturen zu üben. Dies war die Arbeitshypothese für ein Seminar von Martina Leeker an der Leuphana Universität im Wintersemester 2013/14 zu “Medien&Paranoia”. Es sollte eine Videoinstallation entstehen, die eine Fortbildung für Besucher_innen der Installation in Paranoia als Erkenntnis- und Widerstandsform ermöglichen sollte, denn, so ließe sich mit Ute Holl und Marie-Luise Angerer zuspitzen, man kann heutzutage gar nicht paranoid genug sein.

Paranoia ist aber zugleich als Erkenntnis- und Interpretationshaltung höchst problematisch, denn sie erzeugt erst die Angst, die mit ihr bewältigt werden soll. Paranoia ist nämlich auch ein Diskurs und eine Regierungsweise (Gouvernementalität), oder, mit Eva Horn (PDF), ein politischer, nämlich paranoider Stil digitaler Kulturen. Eva Horn hat herausgearbeitet, wie digitale Kulturen auf Grund ihrer Vernetzung Angst hervorrufen bzw., genauer, Angst in ihnen erst diskursiv hergestellt wird. Ausschlagend sei, dass diese Kulturen auf Grund der Vernetztheit nicht kontrollierbar und vorhersehbar seien. Paranoia als Interpretationswut wäre eine Verhaltensweise, mit der versucht würde, das Unkontrollierbare und Unentrinnbare mit Hilfe von Dechiffrierungen und Erklärungsmodellen in den Griff zu bekommen und zu bewältigen. Zudem sei Paranoia, so Tom Holert und Michael Schneider (PDF), eine effektive Form, um soziale Ordnungen und Machtverhältnisse herzustellen sowie politisches Engagement zu erzeugen und zu regulieren durch z. B.: Clusterung sowie Aus- und Eingrenzungen von sozialen Gruppen, Selbstdarstellung als Form der Selbstkontrolle oder politische Regulierung durch Angst. Um dieser Ambivalenz von Paranoia, als Erkenntnismittel sowie als gouvernementaler Diskurs, zu begegnen, sollte in der Installation des Seminars eine Aufklärung über die politischen Intentionen und gouvernementalen Wirkungen von Paranoia sowie zugleich eine Einübung paranoider Erkenntnis- und Verhaltensformen möglich werden. Es galt mithin, einen gleichsam paranoiden Widerspruch zu erzeugen, so dass Paranoia als Erkenntnisform gegen Paranoia als gouvernementaler Diskurs eingesetzt werden konnte, ohne in Letzterer zu münden.

In der Installation sollte diese Aufgabe durch die Methode einer “Dramaturgie der Eskalation von Widersprüchen” gemeistert werden. In dieser wurden die von den Studierenden erarbeiteten Video-Projekte und Performances zum Thema “Medien&Paranoia” so montiert, dass sich Paranoia als Erkenntnishaltung und Paranoia als Diskurs bzw. als politischer Stil beständig gegenseitig spiegelten und die Besucher_innen in eine nur diskursanalytisch lösbare Enge trieben. Diese Dramaturgie kreierte mithin eine sich aufschaukelnde und unlösbare Widersprüchlichkeit, die eine paranoide Grundhaltung erzeugte, um über Paranoia selbst aufzuklären. Die entstandene Installation bestand aus zehn im Raum (Kunstraum der Leuphana Universität) verteilten Abspiel-Stationen, an denen in Filmen und Performances paranoide Geschichten verhandelt und live montiert wurden. Die Besucher_innen/Zuschauer_innen konnten die Installation nach ihrem Gusto durchwandern.

Der medienwissenschaftlich verortete Hintergrund für diese Dramaturgie war die Erkenntnis von Eva Horn, dass in vernetzten digitalen Kulturen sich unterschiedliche Gruppen der Netze wie der Paranoia bedienen. Effekt sei, dass politische Intentionen sowie Widerstand gegen digitale Kulturen dabei nivelliert würden:

“Wo das Spektrum des ‘netwar’ von der Planung terroristischer Anschläge über Drogenhandel und Hacking bis hin zu Bürgerinitiativen und Menschenrechtsgruppen reicht, zeigt sich ein Formalismus der Analyse, der die Frage nach ‘guten’ oder ‘bösen’, politischen oder wirtschaftlichen Absichten zugunsten eines Interesses an Taktiken und Operationsmodi suspendiert.”

germanistik.univie.ac.at (PDF)

Wird diskursive Paranoia zum funktionalen Bestandteil digitaler Kulturen, entsteht mithin ein sich selbst aufheizendes und unentrinnbares paranoides Feedbacksystem, dem auch Gruppen und Plattformen im Netz angehören, die ein demokratisches Internet fordern und erzeugen wollen. Eine emanzipierte und reflexive Paranoia wird also nur dann entstehen können, wenn einerseits die grundlegend paranoide Konstitution digitaler Kulturen und Politiken erkannt und ihr mit Distanz begegnet werden kann, um andererseits angemessen, d. h. mit Paranoia als Erkenntnishaltung, mit der paranoiden Konstitution umgehen und dabei “realen” Bedrohungen und Manipulationen begegnen zu können.

Vorbereitungen zur Installation

Um eine Fortbildung in diesem auf Dauer gestellten, ambivalenten Denken zu ermöglichen, wurden vier Kategorien von paranoiden Narrativen im wechselseitigen Widerspruch verwoben. Im Folgenden werden die einzelnen Projekte sowie ihre Relevanz für die Narrative vorgestellt. Es ist möglich, über Links sich jedes der Projekte gesondert anzuschauen, die in der Live-Montage der Installation nur in Teilen gezeigt wurden. Zur (1) Kategorie der Paranoia als Erkenntnishaltung, mithin des Verweises auf “reale” Bedrohungen, gehörten Videos zur Praxis des Webcam-Hacking (Lenea Lott), mit dem Menschen ohne ihr Wissen von Fremden beobachtet werden; Filme mit Falschmeldungen zum Zwecke politischer Manipulation, mithin Verweise auf Verschwörungstheorien (Jonas Hanning) sowie ein “Paranoia-Trailer” (Florian Rathman), der ein Potpourri von möglichen Bedrohungen versammelt. Die (2) Kategorie der Paranoia als gouvernementaler Diskurs bestand u. a. aus Filmen von Anonymous und zum Dark Net (Lisa Spelge). Sie wurden als Teil der Erzeugung von Angst als politischer Stil in digitalen Kulturen und damit als Verführung zu Paranoia zum Zwecke der Angstbewältigung vorgestellt. Denn trotz aller politischen Korrektheit erzeugen sowohl Anonymous als auch das Dark Net da Angst, wo sie auf die Gefahren der Politiken des Internet hinweisen und sich aus diesen rechtfertigen. Damit rufen sie einen auf Dauer gestellten paranoiden Wahrnehmungsstil auf den Plan. Des Weiteren waren Werbefilme der Firma Corning Incorporated (Projekt: RFID-Paranoia: Paul Seegers; Film: A Day Made of Glass) in diesem Narrativ integriert, die Displays und Glasfaserkabel für eine schöne, ubiquitäre-computing-Zukunft herstellen. Sie standen als Metapher für eine Paranoia ermöglichende techno-ökologische Umwelt, da die smarten Unwelten sich aus einer umfänglichen Beobachtung der in ihr agierenden Menschen konstituieren. Diese paranoide Konstitution wurde ebenso in einer Auseinandersetzung mit dem aktuellen medienwissenschaftlichen Diskurs der Techno-Ökologien (PDF) herausgearbeitet. Mit ihm werden Menschen nämlich in eine sie auf einem vor-bewussten Level affizierende technische Umwelt katapultiert. Dies ermöglicht auf Grund der entstehenden Empfänglichkeit und Empfindlichkeit erst, dass eine paranoide Angst entstehen kann und muss, weil alles berührt. Die Auseinandersetzung (Projekt: Luise Behr) bestand aus einer Lesung, in der entsprechende Passagen aus einem Text des Medienphilosophen Mark B. Hansen (PDF) vorgestellt. Clips (Luise Behr) von einer mechatronischen Performance (1994) von Marcel.lí Antúnez Roca zeigten Aussehen und Effekte einer Verkörperung der Konzepte zu einer techno-ökologischen Existenz, wenn der Performer ohne Kontrolle in seiner ökologischen Umwelt zappelt. Ein Film zur Geschichte der Mensch-Maschine-Schnittstelle (Projekt: Computer-Interface-Geschichten: Benno Heidkamp) erzählte Anekdoten aus der langen Kette dieser Verkopplungen von Mensch und Maschine. Die Geschichte digitaler Kulturen erscheint als eine der zunehmenden Durchmessung und Operationalisierung des Körpers, der letztlich am Interface zappelt. Die Studierenden erstellten zudem eigene Vlogs zu ihrem fiktiven Mediengebrauch, die die (3) Kategorie einer Dekonstruktion von Paranoia durch deren Affirmation bilden. Es ging um die Antizipation einer RFID-Umwelt, die das universitäre Leben (Projekt: RFID-Paranoia: Paul Seegers) sowie Arbeit (Projekt: Luise Behr) und schließlich den Alltag (Birte Carstens, Florian Rathman) bestimmen könnten. Zu dieser Kategorie der Affirmation zählten auch zwei Video-Performances, in denen in einer Anverwandlung des Künstlers Jonathan Meese eine paranoide Hasstirade auf Paranoia (Projekt: Madeleine Herzinger) sowie ein Poetry Slam (Projekt: Fabio Michalak) zu Hyperchondrie im Netz (Cyberchondrie) und Wolfgang Herrendorfer dargeboten wurden. Schließlich wurde die Installation vom einem “roten Faden” zusammengehalten, der aus einem Videoprojekt zu McLuhan und Paranoia bestand (Projekt: McLuhan-Paranoia: Benno Heidkamp). Hier wurden Ausschnitte aus Vorträgen oder Interviews mit dem Begründer der Medienwissenschaft Marshall McLuhan mit Versatzstücken aus einem Gespräch von Ute Holl und Marie-Luise Angerer über Paranoia als unabdingbare Erkenntnisform in digitalen Kulturen montiert. Dieser Part kann als (4) Kategorie der Beobachtung paranoider Reflexion bezeichnet werden, da im Film die beiden Formen der Paranoia und ihr unterschiedlicher Status (Erkenntnis versus Diskurs) aufeinander trafen. Wo die medienkulturellen Theoreme von McLuhan nämlich eine Affizierbarkeit des Menschen durch Medien behaupten, identifizieren Ute Holl und Marie-Luise Angerer diese als affektiv-paranoide Konstitution digitaler Kulturen und betonen zugleich deren paradoxe, da Erkenntnis ermöglichende Notwendigkeit.

Die Dramaturgie der eskalierenden Bezugnahme wurde durch ästhetische Methoden bewerkstelligt, die einen paranoiden Zustand in der Wahrnehmung auslösen können wie z. B.: theatrale Mittel, die unklar lassen, ob etwas echt oder gespielt ist. Die Ästhetik der negativen Affirmation (Die Revolution des Ja-Sagens, Bazon Brock) ermöglicht es durch eine bedingungslose Anerkennung und Verkörperung, die Effekte von Denkfiguren und Konzepten zu erkennen und aufzuzeigen. Schließlich erlaubt die Pluralisierung von Bedeutungen und Interpretationsweisen (Salvador Dalis Paranoisch-kritische Methode) die Einübung paranoider Strategien.

Die Dramaturgie der eskalierenden Widersprüchlichkeit sollte es ermöglichen, Paranoia nutzen zu können, ohne ihren diskursiven und politischen Effekte zu verfallen. Es geht mithin um eine 3rd-Order-Paranioa, die beobachtet und die sich beobachtet und darin eine neue Erkenntnisform generiert, die als Beobachtung der Beobachtung zur Anerkennung des Nicht-Kontrollierbaren führt und damit aus den Bindungen an “Medien&Paranoia” aussteigt.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.