Paranoia als Erkenntnisweise

— Martina Leeker, Oktober 2014

Digitale Kulturen unterhalten eine komplexe und vermutlich unhintergehbare Beziehung zu Paranoia. Diese Annahme erschließt sich, wenn sie aus ihrer Konstitution durch ubiquitäre Infrastrukturen sowie undurchdringbare Vernetzung erschlossen werden. Diese bedingen nämlich, so ließen sich Überlegungen von Eva Horn auf digitale Kulturen anwenden:

“[…] eine Haltung tiefsten Misstrauens: ein Misstrauen des Staats gegenüber seinen Bürgern, der Bürger gegen den Staat, der Nicht-Experten gegenüber den Experten, der Anwender von Technologie gegen diese Technologie, der Mediennutzer gegen diese Medien. Es ist der Verdacht gegen genau das, was zur technischen und kulturellen Grundlage einer Gesellschaft gehört, all das, dem man sich nicht entziehen kann: sei es das Trinkwasser, seien es die Botschaften der Medien, seien es die Zeichen auf den Geldscheinen.”

germanistik.univie.ac.at (PDF)

Paranoia wäre mithin ein konstitutiver Bestandteil digitaler Kulturen, der aus deren Verschwiegenheit und unauflösbarer Allumfassung entsteht. Dabei ist Paranoia ein hochgradig ambivalenter Zustand. Denn sie ist erstens unabdingbar, gleichsam überlebenswichtig in digitalen Kulturen, will man ihnen nicht in ihre Untiefen folgen. Diese Notwendigkeit wird an Überwachungsskandalen, Datenunfällen sowie terroristischen Operationen über das Internet deutlich. Aus einem Gespräch von Ute Holl und Marie-Luise Angerer lässt sich zuspitzen: “Man kann nie paranoid genug sein.” Als “kognitive Haltung” (PDF), so Eva Horn, kann Paranoia in diesen verdächtigen Welten agieren, nämlich als “eine Art und Weise, den Verstand zu benutzen, Informationen zu verarbeiten, Verknüpfungen herzustellen.” (siehe hier [PDF])

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.