Paranoia als gouvernementaler Diskurs

— Martina Leeker, Oktober 2014

Zweitens ist die paranoide Grundeinstellung aber zugleich ein Diskurs, d. h. eine Erfindung, die in eine unumkehrbare Richtung drängt und eigene Subjektivierungsformen und Regierungsweisen hervorbringt. Als Diskurs ist Paranoia nach Eva Horn: “eine Wahrnehmungs- und Erkenntnisform, die sich als spezifischer Denkstil oder als Diskurs niederschlägt, die eine bestimmte Risikowahrnehmung, ein Mißtrauen oder eine Vorstellung von Bedrohung hervorbringt [Hervorhebung M.L]” (siehe hier [PDF]). Auslöser und Antreiber der Paranoia ist nach Eva Horn die Angst, in der eingangs geschilderten technologischen Bedingung Kontrolle, Erkenntnis- und Handlungsfäkigkeit zu verlieren. Es gehe, um “die Abwehr der Angst, dass Sachen einfach richtig schief gehen können, dass man die Kontrolle komplett verlieren […], und man auf drohende Gefahren ganz und gar nicht vorbereitet sein könnte” (siehe hier [PDF]). Dieser Angst ist nicht zu entrinnen, denn die technologischen Umwelten werden sich nicht in Luft auflösen. Sie bilden den Kern der “Angst vor unserer Eingebundenheit in und Angewiesenheit auf Netze und Zusammenhänge, die wir nie ganz durchschauen und noch weniger in den Griff bekommen können” (siehe hier [PDF]). Ziel des paranoiden Stils ist deshalb nach Eva Horn:

“Man versucht, sich der Hyperkomplexität unserer vernetzten Welt intellektuell zu stellen und damit an ihrer Bewältigung zu arbeiten. Wenn man Kontrolle und Überblick schon verliert, dann will man wenigstens Modelle für den Kontrollverlust entwickeln.”

germanistik.univie.ac.at (PDF)

Wie der paranoide Stil, der von der Politik wie von Bürger_innen gepflegt wird, vorgeht und wie es ihm gelingen kann, mit technologischer Angst umzugehen, entfaltet Eva Horn:

“Die Welt zu interpretieren und sich in ihr zu verorten ist nichts anderes als eine Erkenntnisoperation – die Eigenart der politischen Paranoia besteht nun darin, die Welt als intransparent zu sehen, als etwas, das ständig neu und anders interpretiert werden muß, ein dunkler, inintelligibler Zusammenhang, der zutiefst bedrohlich ist. Die Selbstverortung in dieser Welt ist darum von profundem Mißtrauen gegenüber allen Evidenzen und Konsensen geprägt, was offensichtlich scheint, was alle denken, ist gerade das Falsche, die Welt ist gleichsam ‘bodenlos’. Aber das heißt offenbar auch, nicht einmal an den eigenen Annahmen eisern festzuhalten. […] Der paranoide Stil in der Politik nun ist von zwei zentralen Elementen geprägt: einerseits der Projektion eines übermächtigen, allgegenwärtigen, aber schwer erkennbaren Feindes; andererseits der Vorstellung eines verborgenen Netzwerkes von Bezügen und Verbindungen, das den zufälligsten und unverbundensten Ereignissen einen heimlichen Zusammenhang gibt. […] ‘Everything is connected’ […] Wenn alles mit allem verknüpft ist, dann gibt es keine Zufälle, keine Pannen und Koinzidenzen, sondern nur unerkannte kausale Verbindungen, die zu entziffern sind. […] Die klassischen Verschwörungstheorien […] unterstellen zentrierte und hierarchisierte Strukturen, deren primärer Operationsmodus die Manipulation von Subjekten und Institutionen ist. Die neueren Verschwörungstheorien gehen nicht unbedingt so weit, sondern entfalten eher ein spielerisches Verhältnis zu ihrem eigenen Verdacht, eine Reflexivität, mit der sie sich selbst gelegentlich ironisch als ‘Verschwörungstheoretiker’ bezeichnen.”

germanistik.univie.ac.at (PDF)

Paranoides Denken, Wahrnehmen und Erkennen ist also eine Form der Regierung und Subjektbildung, die Menschen und Politik in digitalen Kulturen erzeugen, indem sie sie ausüben und pflegen. Tom Holert vermerkt bezogen auf eine paranoide Subjektbildung:

“Der Ansatzpunkt dieser ‘Technologien der Angst’ ist die Materialität des Körpers und seiner Praktiken selbst. […] Politische, ökonomische, wissenschaftliche und kulturelle Praktiken halten die Bürger der westlichen Gesellschaften ‘im Status des Opfers’, wie es der französische Psychoanalytiker Alain Ehrenberg 1995 in seiner Theorie des ‘unsicheren Individuums’ formuliert. ‘Ambient fear’ (Massumi) durchzieht die ‘ambiance depressive’ (Ehrenberg).”

jungle-world.com

Ein Effekt dieser Verunsicherung ist nach Holert die Entpolitisierung:

“Dass in diesem phantasmatischen ‘Verständnis von Sicherheit’ die Gefahr eines totalen Rückzugs lauert, ist offensichtlich. Das Phantasma der Sicherheit, das sich hier artikuliert, wird die Gesellschaft endgültig entpolitisieren, wenn es sich ungehindert entfaltet.”

jungle-world.com

Ein solchermaßen verunsichertes und umfänglich in Beschlag genommenes Individuum ist leichter regierbar und wird in staatlichen Maßnahmen und soziale Einrahmungen einstimmen, um seine Angst zu handhaben. Zu diesen zählen nach Holert:

Aggressive und Low-level-Überwachungsszenarien entstehen. Eine rassistische Ordnung unter den Bedingungen der Globalisierung von Migration wird staatlich festgeschrieben. Ausgrenzung, Kriminalisierung, Wegsperrung und Abschiebung der ‘gefährlichen Klassen’ werden praktiziert. Eine Sozialpolitik rastet ein (bzw. aus), die immer asymmetrischer angelegte Dominanzverhältnisse schafft.

jungle-world.com

Michael Schneider führt bezüglich der gouvernementalen Aspekte aus:

“Die ständigen Warnungen vor Terroranschlägen in den USA würden vom Weißen Haus fabriziert, ohne jeglichen Bezug auf Fakten, nur um in der Bevölkerung das Gefühl der andauernden Bedrohung aufrecht zu erhalten und der Politik des ‘starken und entschlossenen’ Präsidenten hohe Zustimmungsraten zu sichern.”

schneider-michael-schriftsteller.de (PDF)

Zu diesem Bild der starken Führung fügt sich die Lust zur einheitlichen Nation, so Schneider:

Der ‘Krieg gegen den Terror’ und gegen erklärte ‘Schurkenstaaten’ befriedet, wenn auch nur zum Schein und auf Zeit, die schroffen inneramerikanischen Gegensätze, indem er alle Kräfte der Nation auf den äußeren Feind lenkt. Der Patriotismus und die Mobilisierung für den Krieg vereinen den unterbezahlten Schichtarbeiter wieder mit dem US-Millionär, den schwarzen Schuhputzer mit dem weißen Wallstreet-Broker, den Obdachlosen aus der Bronx mit dem Penthouse-Bewohner der Fifth-Avenue. Sind wir nicht alle Amerikaner und gehören zur ‘großartigsten Nation der Welt’ (O-Ton Bush), die jetzt gemeinsam aufsteht und wehrhaft zurückschlägt? Das Trauma vom 11. September, in Verbindung mit der ‘amerikanischen Paranoia’, den sozialen Abstiegsängsten breiter Bevölkerungsschichten, der Militarisierung der Ausbildung und einer multimedialen Kriegspropaganda kann sehr wohl den Nährboden für eine neue christlich-fundamentalistische Massenbewegung bilden, die mit Begeisterung für die ‘amerikanischen Werte’ in den Krieg zieht, […]”

schneider-michael-schriftsteller.de (PDF)

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.