Methode für ein reflexives Paranoia-Training

Dramaturgie der eskalierenden Widersprüche

— Martina Leeker, Oktober 2014

medienparanoia_posterWie kann man also, so die Frage, das verordnen, was zugleich der grundlegenden Regierungsform und Angstbewältigung in digitalen Kulturen entspricht? Für die Installation wurde eine Lösung gefunden, indem die Besucher_innen der beschriebenen Ambivalenz ausgesetzt wurden. Sie wurden zu paranoiden Vermutungen angeregt und sie erfuhren zugleich, dass und wie sie diese Angst regierbar macht. Denn eine emanzipierte und reflexive Paranoia wird nur dann entstehen können, wenn die grundlegend paranoide Konstitution digitaler Kulturen und Politiken erkannt und sie auf Distanz gesetzt wird, um angemessen mit der paranoiden Konstitution umgehen und zugleich “realen” Bedrohungen und Manipulationen begegnen zu können.

Videoleinwände der Installation

Videoleinwände der Installation

In der Installation wurden vier Kategorien von paranoiden Narrativen im wechselseitigen, eskalierenden Widerspruch verwoben, um ein auf Dauer gestelltes, ambivalentes Denken zu ermöglichen. Dabei wurde Paranoia als Erkenntnishaltung und Paranoia als gouvernementaler Diskurs bzw. als politischer Stil so verbunden, dass sie sich beständig gegenseitig spiegelten und die Besucher_innen in eine nur diskursanalytisch lösbare Enge gedrängt wurden. Diese Dramaturgie kreierte mithin eine sich aufschaukelnde und unlösbare Widersprüchlichkeit, die eine paranoide Grundhaltung erzeugte, um über Paranoia selbst aufzuklären. Zur (1) Kategorie der Paranoia als Erkenntnishaltung, mithin des Verweises auf “reale” Bedrohungen, gehörten Videos zur Praxis des Webcam-Hacking (Lenea Lott), mit dem Menschen ohne ihr Wissen von Fremden beobachtet werden; Filme mit Verschwörungstheorien (Jonas Hanning) sowie Paranoia-Impressionen (Florian Rathman), der ein Potpourri von möglichen Bedrohungen versammelte. Die (2) Kategorie der Paranoia als Diskurs bestand aus Filmen von Anonymous und zum Dark Net (Lisa Spelge); Werbefilmen der Firma Corning Incorporated (Paul Seegers; Film), die Displays und Glasfaserkabel für eine schöne, ubiquitäre-computing-Zukunft herstellen; einem Film zu Computer-Interface-Geschichten (Benno Heidkamp).

Indem beide Formen und Narrative zusammengebracht wurden, stellte sich ein unerwarteter Effekt ein. Anonymous und Dark Net die aus einer medienaktivistischen Sicht als Hoffnungsträger dafür gelten, ein offenes und für demokratische Nutzungen zugängliches Internet herzustellen, so zu lesen etwa bei Gabriella Coleman (PDF) und Harry Halpin (PDF), erschienen selbst als angsteinflößend, düster, geheimnisvoll und bedrohlich. Carolin Wiedemann fasst zur Politik von Anonymous zusammen:

“Anonymous zufolge ist anonyme Kommunikation Voraussetzung für Dezentralität und Offenheit von Kollektivität. Die Entwicklung der Kommunikations- und Informationstechnologien ist zwar mit dem Neoliberalismus als Paradigma der globalen Finanzzirkulationen und den Ausbeutungsstrukturen im Empire verknüpft, aber auch mit der Idee der Produktion des Gemeinsamen: Die anonyme Kommunikation zwischen unbegrenzt vielen Singularitäten im Netz würde deren Stimmen hierarchiefrei verlauten lassen. Anonymous gibt sich dementsprechend aus als offene Kollektivität, die herkömmliche Repräsentationslogiken unterläuft und dabei neue schafft. Wenn es in der Video-Botschaft von Anonymous zur Unterstützung der Proteste in Ägypten ‘We are all anonymous and anonymous units us all’ heißt, dann ist die ausgerufene Einigkeit eine flüchtige, eine, die immer nur ‘in actu’ (Horn & Gisi, 2009, S. 16) existiert. […] Es gibt Anonymous nicht jenseits vom Austausch in den digitalen Netzwerken, nicht jenseits vom Erleben des Gemeinsamen in der Kommunikation und den Aktionen der Menschen mit Guy Fawkes-Masken, zu denen im Netz kurzfristig aufgerufen wird. […] Anonymous als eine ‘Open Collectivity’ ist der Kampf dafür, dass alle Anonymous sein dürfen, dass alle ohne Beschränkung teilhaben können am Informationsfluss, am Austausch, dass alle mitreden dürfen, alle Stimmen gleichwertig gehört und verstanden werden.”

eprints.rclis.org (PDF)

Diese Konzepte zeitigen in der “Gleich-Gültigkeit” des Internet allerdings zugleich eine ambivalente Wirkung. So resümiert Eva Horn:

“Wo das Spektrum des ‘netwar’ von der Planung terroristischer Anschläge über Drogenhandel und Hacking bis hin zu Bürgerinitiativen und Menschenrechtsgruppen reicht, zeigt sich ein Formalismus der Analyse, der die Frage nach ‘guten’ oder ‘bösen’, politischen oder wirtschaftlichen Absichten zugunsten eines Interesses an Taktiken und Operationsmodi suspendiert.”

germanistik.univie.ac.at (PDF)

Dieser Suspendierung fiel in der Dramaturgie der paranoiden Eskalation in der Installation auch “Anonymous” gleichsam zum Opfer. Die Videos der Gruppe erschienen nämlich im Kontext von Dark Net und schönen neuen, ubiquitären Infrastrukturen als Werbung für die Rekrutierung von Mitgliedern für eine geheimnisvolle und verschwörerische Gemeinschaft. Es entstand der Eindruck, dass hier von einer Zukunft gesprochen würde, in der eine totale Überwachung stattfindet sowie ein Geheimstaat auf undurchsichtige Weise über Wohl und Wehe von Bürger_innen entscheidet. Anonymous erschien gleichsam konservativ, geradezu reaktionär und als Ausgeburt einer paranoiden Grundhaltung, der man sich lieber entziehen möge. Aus dem potenziellen Widerstand wurde eine geheimbündlerische Gruppierung, die von Paranoia lebt und alle die, die nicht mittun, bedroht. Auf diese Weise leistete die Installation einen diskursanalytischen Beitrag zu paranoiden Konstitution des Internet und von Anonymous. Was im Geheimen operiert, zieht Verdacht auf sich. Wo es Ziel ist, dass Operationen nicht mehr auf Individuen zurückführbar sind, entsteht eine Umwelt, die man nicht kontrollieren kann und die, so in der Logik von Eva Horn, Angst auslöst und damit den paranoiden Stil als Form der Bewältigung auf den Plan ruft. Diese Erkenntnisse, so ist zu betonen, sind Ergebnis der medienwissenschaftlichen Forschung mit ästhetischen Methoden, d. h. sie haben durchaus einen eigenen, theoretischen Mehrwert.

Die Entschlüsselung der paranoiden Konstitution digitaler Kulturen wurde noch verstärkt durch die Vlogs der Studierenden zu ihrem fiktiven Mediengebrauch. Diese gehören zur (3) Kategorie einer Dekonstruktion von Paranoia durch deren Affirmation. Es ging um die Antizipation einer RFID-Umwelt, die das universitäre Leben (Paul Seegers) sowie Arbeit (Luise Behr) und schließlich den Alltag (Birte Carstens, Florian Rathman sowie Paul Seegers: Interventionen zum Mediengebrauch) bestimmen könnten. Im Zusammenspiel von Erkenntnis in “reale” Bedrohungen im Internet, der Aufklärung seiner paranoiden Konstitution in Anonymous und Dark Net mit den paranoiden Erzählungen der Studierenden, entstand eine düstere Dystopie, aus der die “Kampfmittel” unserer Zeit keinen Ausweg bieten können. Von besonderer Bedeutung waren eine Reihe von Vlogs von Paul Seegers (zu RFID-Paranoia), der verschiedene theatrale Typen entwickelte, die sich zu RFID positionierten. Diese Figuren verhielten sich äußerst unreflektiert und empfahlen den Gebrauch. In vier Episoden konnten die Besucher_innen über die gesamte Entwicklung der Installation die Kunstfigur “Manni” verfolgen, der zunächst freudig erregt über die Einführung von RFID-Chips an der Universität berichtet, diese aber dann nach Erkenntnis in die Überwachungsmöglichkeiten manipuliert und schließlich nach der Entdeckung seiner Taten von einer nicht genannten Gruppe bedroht wird. Die Installation endet schließlich mit der mehrfachen Projektion eines Clips, der zeigt, wie Manni gehetzt von seinen unsichtbaren Verfolgern durch die Gänge der Universität irrt.

Die Projekte von Luise Behr, die zur Kategorie (3) der Affirmation diskursiver Paranoia zählen, verweisen auf eine tiefe Verbundenheit ausgerechnet von Medienwissenschaft mit diskursiver, gouvernementaler Paranoia. Damit wird wissenschaftliche Erkenntnis in digitalen Kulturen problematisch, denn Medienwissenschaft tritt als erste Wissenschaft auf den Plan, geht es um die Analyse von digitalen Kulturen. In Frage stand, ob und wie diese Konstitution in zeitgenössischer Medientheorie zum Tragen kommt und wie sie sich zu den Paranoia forcierenden RFID-Welten verhalten. Luise Behr unternahm in diesem Horizont eine Auseinandersetzung mit dem aktuellen medienwissenschaftlichen Diskurs der Techno-Ökologie (PDF). Dazu stellte sie exemplarisch in einer Lesung eine Passage aus der Forschung von Mark B. Hansen (PDF) vor und ließ sie sich an einer mechatronischen Performance (1994) von Marcel.lí Antúnez Roca materialisieren. Der paranoide Impuls entsteht, so ließ die Kombination von Theorie und Performance vermuten, in der Techno-Ökologie da, wo Menschen in einer sie auf einem vor-bewussten Level affizierenden technischen Umwelt integriert sind und in dieser, wie der Performer, zappeln.

Reichweite und Bedeutung dieser resonanten und umfänglichen technischen Umwelt wurden im Vlog von Luise Behr deutlich. Sie ließ eine Kunstfigur sprechen, die in naher RFID-Zukunft mit den Konsequenzen konfrontiert wird, wenn Menschen unterhalb ihrer Wahrnehmungsschwelle vermessen und ausgewertet werden. Ein möglicher, von Luise Behr erdachter Effekt wäre z. B., dass einer Mitarbeiterin wegen schlechter Stimmung gekündigt wird, die Sensoren messen und Algorithmen auswerten, die die Person allerdings nicht empfand und nicht zuordnen kann. Die Protagonistin fragt sich, wie eine Maschine mehr über sie wissen kann, als das was sie, der Mensch, selbst empfindet.

Durch das Projekt von Benno Heidkamp McLuhan-Paranoia wurde die Geschichte der paranoiden Techno-Affektivität aufgerufen und daran deren mögliche Relevanz erahnbar. Die Geschichte wurde eingespielt durch ein Gespräch von Ute Holl und Marie-Luise Angerer über Paranoia als unabdingbare Erkenntnisform in digitalen Kulturen. Hier wurde der Gründungsmythos von Medienwissenschaft in einem von Medien affizierten ausgehenden 19. Jahrhundert thematisiert. In seinen Denkwürdigkeiten rekonstruiert Daniel Paul Schreber, wie er von göttlichen Stimmen besetzt und deren Medium wurde:

“Ich habe … Schallempfindungen, die von den Strahlen unmittelbar auf mein inneres Nervensystem projiziert werden und zu deren Aufnahme es daher der äußeren … Gehörswerkzeuge nicht bedarf. Ich … würde … dieselben, soviel es sich dabei, wie bei den ‘Stimmen’, um gehörsähnliche Eindrücke handelt, auch dann hören, wenn es etwa möglich wäre, meine Ohren gegen sonstige Schallempfindungen hermetisch abzuschließen.”

zitiert nach Wolfgang Hagen, whagen.de

Wolfgang Hagen hat darauf aufmerksam gemacht, dass Schrebers paranoide Erlebnisse zu einer Zeit stattfanden, in der auf medientechnische Umwälzungen, die die vermeintlich elektromagnetische Konstitution von Welt, Mensch und Körper nutzten, die aber physikalisch nicht nachgewiesen werden konnten, mit einer Hinwendung zu spiritistischen Praxen und Denkfiguren geantwortet wurde. Es könnte mithin eine tiefe Verbundenheit zwischen dieser Affizierungs-Paranoia und Medien bestehen, die immer dann auftaucht, wenn technologische Umstrukturierungen erfolgen. Zu den zentralen Protagonisten dieser affektiven Paranoia-Geschichte von Medien würden neben Schreber und die von Hansen vertretene techno-ökologische Bewegung auch der Begründer der Medienwissenschaft McLuhan zählen, wie der Film von Benno Heidkamp vermuten lässt.

Das Projekt McLuhan-Paranoia bildete zugleich den “roten Faden” der Installation und vermittelte deren zentrale These. Sie lautet, dass digitale Kulturen zutiefst paranoid sind und zugleich Paranoia die Erkenntnishaltung ist, mit ihnen umzugehen. Diese These sollte nachvollziehbar werden durch die Montage von Ausschnitten aus Vorträgen oder Interviews mit McLuhan und Versatzstücken aus einem Gespräch von Ute Holl und Marie-Luise Angerer über Paranoia als unabdingbare Erkenntnisform in digitalen Kulturen. Auf der einen Seiten wurde somit McLuhans paranoide Vorstellungswelt herausgestellt, die sich aus der Veräußerung des menschlichen Körpers in ein mediales Environment konstituiert, das ihn im Gebrauch elektrisiert. Auf der anderen Seite wurde diese Konstitution durch die Gespräche von Ute Holl und Marie-Luise Angerer diskurskritisch kommentiert. Indem im Projekt von Benno Heidkamp also zwei Formen der Paranoia und ihr unterschiedlicher Status (Erkenntnis versus Diskurs) aufeinander trafen, konnte eine Spiegelung eintreten.

In der Installation wurden neben der Dramaturgie der Eskalation von Widersprüchen weitere ästhetische Methoden genutzt, die das ambivalente Spiel mit Paranoia ermöglichten. Ein Beispiel ist die Einschleusung theatraler Darstellungsweisen in die Projekte, durch die unklar bleibt, ob etwas “echt” oder gespielt ist. So waren z. B. die Vlogs von Paul Seeger Darstellungen mit Kunstfiguren, die aber als authentische Vlogs einer Privatperson erschienen. Eine Video-Performance, die als Anverwandlung des Künstlers Jonathan Meese eine paranoide Hasstirade auf Paranoia (Madeleine Herzinger) vorführte, changierte zwischen authentischer Darstellung und Imitation und hielt so die Rezeptionshaltung des Zweifelns aufrecht. In dem Poetry Slam “Hysterie im Netz” (Fabio Michalak) zu Hyperchondrie im Netz (Cyberchondrie) und Wolfgang Herrendorfer kam allein die Privatperson zum Tragen. Lenea Lott versah ihr Projekt zu Webcam-Hacking mit einer privaten Erzählung, in der sie darlegte, dass sie selbst von Webcam-Hacking betroffen war. Auch wenn es sich um eine reales Erlebnis handelte, so bliebt im paranoiden Kontext der Installation doch unklar, ob die Geschichte als Wahrheit oder Fake einzustufen sei. Diese Mischungen und Brüche auf einer sehr intimen und körperlichen Ebene versetzen die Besucher_innen in eine beständige Be- und Hinterfragung ihrer Wahrnehmungen und Einschätzungen, mithin in ein paranoides Erkenntnistraining

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.