Messe der Medien

— Martina Leeker (Konzept und Text), Oktober 2014

Zu “Die Projekte der Messe der Medien”

Die “Messe der Medien” wurde im Rahmen der Tagung “Medien der Wissenschaften” durchgeführt, die als Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) im Oktober 2013 an der Leuphana Universität Lüneburg stattfand. Die Tagung wurde ausgerichtet vom Institut für Kultur und Ästhetik Digitaler Medien (ICAM) in Kooperation mit dem Centre for Digital Cultures (CDC) und der DFG-Kolleg-Forschergruppe Medienkulturen der Computersimulation (MECS) der Leuphana. Die Messe setzte bei der vor allem in den Medien- und Kulturwissenschaften sowie in den Science and Technology Studies (STS) vertretenen und mit dem Titel der Tagung aufgerufenen These an, dass Wissen und Forschung von der Reichweite sowie der technischen Verfasstheit ihrer Medien abhängen würden. Ob dieser Konstitution wird Medien im zeitgenössischen Diskurs der Status von “Aktanten” (PDF) verliehen, mit denen zu rechnen ist, geht es um die Erzeugung von Wissen, Kultur und Wirklichkeit. Diese Beschreibung und Logik führen zu Erklärungsmodellen, in denen soziale Ordnungen und Wissen aus lokal differenzierten Agenturen (Handlungsinitiative) unterschiedlicher und in Operationsketten verbundener Akteure (PDF) bzw. als Kooperation unterschiedlicher Beteiligter entstehen. Mit dieser Konzeptualisierung verändern sich zwangsläufig Vorstellungen von “Menschen” sowie von Dingen insofern grundlegend, als eigenwillige Dinge nicht mehr menschlichen Subjekten unterstehen und zuhanden sind. Diese verlieren vielmehr einen herausgehobenen Status und werden in operativen, d. h. funktionalen Handlungsketten integriert.

Die Messe sollte nun dieses Epistem der Medialität von Wissen sowie seine Verbandelung mit dem Diskurs zu symmetrischen Handlungsagenturen so erlebbar machen, dass seine subjektbildenden, epistemologischen und gouvernementalen Effekte deutlich werden konnten. Methode dies zu erreichen, war eine “Eulenspiegelei” im Sinne einer (negativen) Affirmation der aktuellen Diskurse durchzuführen, eine Methode, die auf Bazon Brock zurückgeht:

“Negative Affirmation: […] Bazon Brock [versteht] unter Affirmation nicht die 100%ige Bejahung eines Zustimmung fordernden Anspruchs, sondern die mittels 150%iger Ueberhoehung radikalisierte Formulierung dieses Anspruchs. Durch die Drastik der Bejahung wird die Sinnlosigkeit vieler Aussagenansprueche in ihrer Konsequenz deutlich. Es entsteht ein sog. Kippeffekt. Beispiel: der vielzitierte Dienst nach Vorschrift. Jede Organisation, die sich in jedem Punkt an ihr selbst auferlegtes Regelwerk haelt, kommt binnen kuerzester Zeit zum Erliegen.”

ubermorgen.com

Für die “Messe der Medien” hieß das, die zeitgenössischen Theoreme zu Wissen, Forschung und Agentenschaft konsequent und pointiert ernst zu nehmen. Dies wurde umgesetzt, indem technischen Dingen ein eigener Raum für Performances zugestanden und ihre menschlichen Partner diesen ausgesetzt wurden. So trat ein blinder Roboter des Medienkünstlers Louis-Philippe Demers in Aktion. Er machte für die Besucher der Installation durch den Druck und damit die vermeintliche Intentionalität seiner Berührungen spürbar, was es bedeutet, wenn die Unterscheidung von technischen Dingen und Menschen als Teil der anthropologischen Identitätsbildung fragwürdig und damit eine gleichberechtigte Ko-Existenz denkbar würde. Zudem warf der Roboter die Frage auf, wie in einer symmetrischen anthropo-technischen Umwelt mit eingeschränkten technischen Partnern künftig zu verfahren sei. Walter Siegfried nahm in einem mit Gesang durchsetzten Vortrag die These ernst, dass Atmosphären, Emotionen und performative Elemente nicht nur Teil der Erzeugung von Wissen und Forschung seien, sondern diese erst konstituieren würden. Derart wurde deutlich spürbar, dass und wie Wissen und Forschung labil und prekär werden. Anhand von Lehrfilmen, die Experimente mit Erziehungsstilen nach Kurt Lewin (PDF) zeigen, sollte die Frage aufgeworfen werden, wie Experimente mit Menschen im Kontext einer Experimentalisierung von Wissen, Leben sowie im Kontext einer Degradierung von Subjektivität zu verorten seien. Die Medienkünstlerin Ursula Damm erprobte in einer Handlungsagentur bestehend aus Sensoren, Kabeln, Mikrophonen, Umwelt, menschlicher Akteurin sowie Strömungen und Resonanzen die Theorie zur zeitgenössischen techno-ökologischen Existenz am eigenen Körper. Irina Kaldrack spielte in einer erfundenen, affirmativen Geschichte über die Erfindung und Nutzung von Datenbrillen die Agentur von Brillen, Imagination, wirtschaftlichen Interessen, Begehren und Menschen ein. Jeremy Bernstein und Peter Berz ließen durch Formen des Creative Coding, in dem nicht mehr durch Coden programmiert, sondern vorgefertigte Module zu performativen Einheiten verbunden werden, Software zu einem Partner in Kontext einer Medienagentur werden. Peter Koval schließlich bot die Möglichkeit, auf einem eigenen “Spiel-Tisch” durch so genanntes Circuit Bending elektronisches Spielzeug kurzzuschließen und derart technische Dinge wie Dioden, Lötkolben, Platinen und Lämpchen zu kreativen und in ihrem Verhalten nicht vorhersagbaren Partnern zu machen. Mit diesem Teil der “Messe der Medien” sollte zudem ein Zugang zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem aktuellen Diskurs der Medialitäten und Agenturen angeboten werden. Mit dem Circuit Bending werden nämlich an den Rand gedrängte und verschüttete Aspekte deutlich, wie z. B. eine mögliche Genese der Techno-Ökologien, Agenturen und Kooperationen aus animistischen Traditionen der Medienästhetiken der 1960er Jahre. In diesen Zeiten schwangen Menschen und technische Dinge bereits in geheimnisvollen Resonanzen, was die Entwicklung, Verbreitung und Akzeptanz ubiquitärer sozio-technischer Systeme erheblich förderte.

Wird die Handlungsmacht auf technische Dinge und kontingente Konstellationen wie Laborräume oder “Natur” übertragen und das Epistem von der Medialität des Wissens vorausgesetzt, dann werden Wissen und Forschung selbst prekär und in höchstem Grade unsicher. Ein auffälliger Effekt der “Messe der Medien” in diesem Vorgang war, dass durch die Irritation der Grenzen zwischen Wahrheit oder Richtigkeit und Fake sowie mit den Performances der Dinge paranoide Befürchtungen aufkamen. Diese Wendung wurde erkannt und noch während der Durchführung der “Messe der Medien” in Gesprächen aufgenommen und vertieft. Ursula Damm, Irina Kaldrack und Walter Siegfried setzten sich mit “Wissen durch Methoden der Irriation” auseinander und Marie-Luise Angerer und Ute Holl reflektieren in ihrer Diskusion “Paranoia” über deren Stellenwert als Erkenntnisform in digitalen Kulturen. Ein Forschungsergebnis aus der “Messe der Medien” ist mithin, dass mit der Medialität und Kooperativität von Wissen und Forschung eine paranoide Gestimmtheit zur Grundlage von Wissen sowie zu einer gouvernementalen Konstellation wird. Eine paranoide Erkenntnishaltung oder Epistemologie bedeutet, dass da, wo Wirklichkeit und Wahrheit abhanden kommen, ein Geflecht von sich gegenseitig ergänzenden Vermutungen zur Bezugsgröße von Richtigkeit wird. Eine paranoide Epistemologie ist zudem insofern eine Form der Regulierung (PDF), als sie Menschen in einen dauerhaften Zustand der Alarmbereitschaft versetzt, in dem sie sich in Vermutungen und Kombinationen verausgaben. In der “Messe der Medien” wurde mithin auch deutlich, dass ästhetische Praxen als Forschungsmethoden hilfreich sind, um Erkenntnisse zu erschließen, die ohne sie nicht möglich gewesen wären.

Es geht und ging nicht darum, die Veränderungen in der Konstitution von Wissen und Forschung oder der Position des Menschen zu unterlaufen und “alte” Zustände zurückholen zu wollen, die selbst nur Effekte von Technologien und Diskursen waren. Aufgabe der „Messe der Medien“ war es vielmehr, Distanz zur aktuellen Diskurslandschaft von Medialitäten, Agenturen und Kooperationen zu schaffen, um sie auf ihre epistemologischen und gouvernementalen, mithin ihre politischen Effekte hin zu befragen. Denn auch auch aktuelle Theoriebildungen sind historische Erscheinung, die ihren Grund in technologischen Bedingungen sowie in der Reaktion auf diese haben. Aus dieser Perspektive wären die aktuellen Bemühungen so zu verstehen, dass in einer neu entstandenen Situation dringlich werdende Neu-Beschreibung von Mensch und Kultur vorgenommen werden. Bevor Wissen, Mensch und Forschung in technologischen Umwelten neu gesehen werden, sollte allerdings experimentell und interventionistisch getestet werden, was die neue Sicht bedeutet. Erkenntnisse aus solchen Tests könnten Hinweise auf nötige Korrekturen in den aktuellen medienanthropologischen und wissenstheoretischen Diskursen geben.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.