Agenturen, Kooperationen und Techno-Ökologien

— Martina Leeker, Oktober 2014

Es lässt sich nicht verhehlen, dass in digitalen Kulturen, d. h. in hochgradig vernetzten Infrastrukturen, technische Dinge und Menschen einen sozio-technischen Kontext bilden. Eine exemplarische Auflistung aus einem aktuellen Forschungsprojekt zu “Medien der kollektiven Intelligenz” beschreibt diesen Konnex:

“Kollektive Intelligenz ist als fragiler und ständig neu zu konstituierender (Koch 2009: 13) Prozess der Kooperation zu präzisieren, der sich nicht nur zwischen menschlichen Akteuren, z.B. in literarischen Freundschaftsbünden, sondern auch zwischen Menschen und Nicht-Menschen, z.B. zwischen Menschen und Kameras, Menschen und Computerprogrammen (Coy/Pias 2009) oder in Interaktionen nicht-menschlicher Akteure vollziehen kann, etwa in der Verteilung eines Programmiercodes auf unterschiedliche Software-Agenten. (Knorr Cetina 1998; Rheinberger 2001; Rammert/Schulz-Schaeffer 2002; Daston 2004) Dies bedeutet eine Fokussierung auf Praktiken oder Operationsketten (Schüttpelz 2008) der Kollaboration bzw. auf die Verkettungen unterschiedlicher Mittler (Schüttpelz 2010: 29). Anstatt von einer Auflösung von Raum und Zeit in einem ‘globalen Dorf’ einer ‘Netzwerkgesellschaft’ auszugehen, die zu einer ‘globalen Echtzeit’ synchronisiert ist, richtet sich das wissenschaftliche Netzwerk [gemeint ist das Forschungsprojekt, M.L.] auf die konkrete mediale Vermittlungsarbeit kollektiver Intelligenz – gerade in ihrer Orts- und Situationsbezogenheit. Ziel ist es, die utopischen Entwürfe kollektiver Intelligenz kritisch zu beleuchten, indem alle Akteure in den Praktiken der Kooperation systematisch untersucht werden.”

uni-konstanz.de

 Von Interesse für die “Messe der Medien” war nun aber nicht die konkrete Ausbuchstabierung unterschiedlicher Modelle dieses generellen Zugangs. In den Fokus rückte vielmehr die Tatsache, dass seit Ende der 1990er Jahre eine Wende hin zu Modellen der Kooperation zwischen unterschiedlichsten Bestandteilen, darunter der Mensch, stattgefunden hat. Nachdem mit der so genannten Akteur-Netzwerk-Theorie (PDF) in den 1990er Jahren die Idee von Handlungsagenturen aufkam und seit den 2000er Jahren in der Medienwissenschaft adaptiert (PDF) wurde, ist eine Welle der Modellierung von Bezugskonstellationen in technischen Umwelten losgetreten worden. Der jüngste Entwurf einer Theorie der Kooperationen (PDF) versucht der eher global angelegten Theorie der Netzwerke und Handlungsgemeinschaften einen bescheidenen, lokalen Bezugsrahmen entgegenzusetzen. Es kommen zudem so genannte techno-ökologische Theorien ins Spiel, die in der Tradition von Simondon auf die unhintergehbare technologische Existenz des Menschen verweisen. Sie entwickeln neue Vorstellungen von Partizipation und Sinngebung, die sich in Anlehnung an Whitehead aus vorbewussten Sensationen und medientechnischen Resonanzen konstituieren.

Ohne die technologischen und diskurshistorischen Bedingungen sowie die Entwicklungen dieser Modellierungen detailliert zu analysieren, soll erwogen werden, warum diese Modelle so wichtig wurden und sind. These dazu ist, dass diese Modellierungen einer Notlage geschuldet sind, die durch technische und kybernetische Entwicklungen und Transformationen (PDF) seit den 1950er Jahren entstand und den Menschen von einem zentralen Platz verwies. Seither konstituieren sich technische Umwelten in der Tat als alles durchsetzende sozio-technische Infrastrukturen, in denen Menschen im Netzwerk der Datenverwaltungen zum integralen, selbst-regulierenden Bestandteil wird. Werden die Kooperationsmodelle in diesen Kontext gestellt, dann wird auffällig, dass Menschen mit ihnen auf unterschiedliche Arten in die technischen Strukturen und Systeme wieder eingeschrieben werden. Dabei ist die Diversität der Modelle Garant dafür, eine lückelose Einschreibung zu ermöglichen und etwaig auftretende Degradierungen des Menschen zum Datengeber auszublenden, wie sie u. a. von Antoinette Rouvroy, Orit Halpern (PDF) oder David Berry beschrieben werden. In der “Messe der Medien” sollten diese verdrängten, aber immer möglichen Sichtweisen, nämlich die verdrängte Genese sowie die verdrängte Realpolitik als Reflexionshorizont eingespielt werden.

Über uns

Re-thinking methods: Experiments&Interventions als Methode eines kontinuierlichen und diskursanalytischen Überdenkens und Umdenkens von Bedingungen und Perspektiven digitaler Kulturen und ihrer Erforschung. Mehr dazu auf der Seite Über uns...

Das DCRL ist Teil des Centre for Digital Cultures (CDC) an der Leuphana Universität Lüneburg.

Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.