Methode 2. Diskursanalytische Ästhetik (statt künstlerische Forschung)

— Martina Leeker, Oktober 2014

Die negative Affirmation nutzt zwar künstlerische Verfahrensweisen. Sie tut dies aber nicht als künstlerische Forschung (PDF), sondern als diskursanalytische Ästhetik, in deren Methodologie die negative Affirmation eine mögliche Methode ist. Diese Unterscheidung ist grundlegend, denn in der diskursanalytischen Ästhetik geht es nicht um künstlerische, sondern um geisteswissenschaftliche Forschung mit ungewöhnlichen Mitteln, mit denen durchaus originäre Erkenntnisse möglich sind.

In der diskursanalytischen Ästhetik wird auf Ästhetik als Bereich des Sinnlichen (Aisthesis) Bezug genommen. Die Betonung der Aisthesis korrespondiert mit Jacques Rancières Politik des Ästhetischen, die darin besteht, dass, so auch Timon Beyes (PDF), durch Verschiebungen in der Ordnung des Sinnlichen Machtverhältnisse unterminiert und andere Konfigurationen in Sichtweite geraten und damit erst denkbar werden können. Als diskursanalytische Ästhetik ging es der “Messe der Medien” nun vor allem darum, aus einer medienwissenschaftlich informierten Forschung sowie mit Hilfe ästhetischer Methoden bestehende Wissens-Ordnungen zu erkennen und bei der Neuformulierung Vorsicht walten zu lassen, um nicht unbesehen neue Formierungen von Macht zu etablieren. Die “Messe der Medien” war mithin diskursanalytische, praktisch-aisthetische Forschung mit, so Nina Wakeford und Celia Lury, “inventiven Methoden” (PDF). Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen inventiven Methoden und dezidiert diskursanalytischer Ästhetik. Bei der Nutzung und Erfindung ersterer wird nämlich davon ausgegange, dass sich zum einen soziale Wirklichkeiten derart diversifiziert haben, dass neue Methoden gefunden werden müssen, sie zu erfassen, und zum anderen Methoden zugleich als Generator von Ergebnissen kritisch zu sehen seien. In der diskursanalytischen Ästhetik liegt der Schwerpunkt vor allem bei der letztgenannten Dekonstruktion und Sichtbarmachung. Dies liegt daran, dass mit der Behauptung, eine Diversität von Wirklichkeiten und Methoden läge vor, letztere sich zum Bestandteil einer Ontologisierung einer bestimmten Wirklichkeit machen, statt diese zu untersuchen.

Sybille Peters entwickelt einen der diskursanalytischen Ästhetik ähnlichen Zugang aus dem Bereich der künstlerischen Forschung, wenn sie darauf verweist, dass und wie die performative Seite von Vorträge (PDF) vor allem ein Mittel der Regierung und Kontrolle ist.

“Man kann fragen, ob das Subjekt im Zuge solcher Akte forschenden Lernens nun seinerseits ‘Untertan’ wird und wenn ja, dann in welcher Weise. Zweifellos: Wo forschendes Lernen gefordert ist, wird Eigenaktivität gesteuert und konditioniert. Die entsprechenden Settings erscheinen damit als Inbegriff dessen, was heute unter dem Stichwort ‚Gouvernementalität’ diskutiert wird: Gemeint sind Formen des Regierens, die nicht über äußeren Druck wirken, sondern bereits im Bezug des Individuums zu sich selbst ansetzen. Forschendes Lernen stünde demnach mit vielen anderen Spielarten des Selbstmanagements und der Eigenverantwortung in einem Zusammenhang: Das alte Dispositiv der Disziplinierung wird abgelöst und durch ‘Techniken des Selbst’ ersetzt.”

t-rich.prognosen-in-bewegung.de (PDF)

Gleichwohl unterscheiden sich die Methoden der “Messe der Medien” da von Konzept und Anliegen der so genannten künstlerischen Forschung (PDF), wo in dieser stillschweigend vorausgesetzt wird, dass es um ein Forschen (PDF) ginge, das den rationalen Verfahrensweisen akademischer Forschung ein anderes Wissen entgegensetze. Eine solche Beschreibung wäre diskursanalytischer Ästhetik verdächtig, denn diese Unterscheidung ist selbst als ein Diskurs anzusehen, der Wissensordnungen schafft, indem z. B. Unübersichtliches oder Unvorhersehbares ausgesondert bzw. erst erzeugt wird. Werden ästhetische Verfahrensweisen in der wissenschaftlichen Arbeit genutzt, dann ist in Anlehnung an Joseph Vogls “Poetologie des Wissens” (PDF) vielmehr davon auszugehen, dass Episteme, Wissensmuster, sowohl in der Wissenschaft als auch in der Kunst auftauchen und bearbeitet werden. Zudem ist die Rede vom anderen Wissen nicht aufrechtzuerhalten, da nach Vogl Kunst und Wissenschaft insofern auf einem Register spielen, als sich Wissen aus Darstellungsformen konstituiert.

Eine diskursanalytische Ästhetik geht mithin von einer Diskursanalyse aus und nutzt dann künstlerische bzw. ästhetische Verfahrenweisen als Methoden, mit der “Etwas” sichtbar gemacht und zugleich verschoben werden kann, so dass andere Weisen z. B. der Organisation von Wissen und Kultur denkbar werden.

Entscheidend ist dabei, dass die diskursanalytische Ästhetik auf einer wissenschaftlichen Analyse beruht, zu der auch und vor allem eine wissens- und technikgeschichtliche Rekonstruktion ihrer eigenen Verfahrensweisen gehört. So zeigte Wolfgang Hagen auf der Tagung “Medien der Wissenschaften” in seinem Vortrag (PDF), dass und wie Bildmedien, mithin ästhetische Verfahrensweisen, in der frühen Neuzeit ein probates Kampfmittel waren, um mögliche Liberalisierungen von Wissen, die durch den Buchdruck ausgelöst worden waren, zu unterwandern. Zugleich sollten sie alte Wissensformen des Erinnerns mit Hilfe von Bildern auf Spielkarten erhalten. Würden solche Untersuchungen nicht beachtet, könnte sich der Mythos vom Anderen der Kunst unbesehen erhalten und z. B. den vermeintlichen, apriorischen Vorteil ästhetischer vor anderer Bildung weiterhin behaupten.

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Kontakthof 2.0

Das Theaterprojekt „Kontakthof 2.0. Living in digital cultures“ wurde für die Verabschiedung des Innovations-Inkubators, Bereich Digitale Medien der Leuphana Universität Lüneburg erarbeitet, ein von 2009 bis 2015 von der EU gefördertes Projekt zur regionalen Entwicklung. Die Aufführung fand am 24.6.2015 im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Inkubators an der Universität in einem Seminarsaal statt. Das Stück wurde in einem Seminar mit Studierenden zum Thema „TheorieTheater“ entwickelt. Eine ausführliche Projektdokumentation sowie den dazugehörigen Mitschnitt finden sie auf der Unterseite “Kontakthof 2.0. Embodiment of Remix und TheorieTheater“.